SWR Kultur Wort zum Tag
Altersarmut ist weiblich. Der Satz wirkt fast wie ein ehernes Gesetz. Mich hat er zuletzt oft beschäftigt. Mehrfach habe ich nämlich gerade miterlebt, wie älteren Frauen ihre Mietwohnung gekündigt wurde. Das kam für sie ganz unerwartet: Sie waren fest verwurzelt an ihrem Wohnort, mit einem Einkommen, das bisher ganz okay war. Aber einen neuen Mietvertrag im Ballungszentrum – den können sie nicht zahlen. Manche sind an Orte gezogen, an denen sie kaum jemanden kennen. Nachbarn und Bekannte, die Kirchengemeinde oder die Gymnastikgruppe, alles, was bisher Halt gegeben hat, ist auf einmal weit weg.
Altersarmut ist weiblich. Aber warum?
Oft spielen grundsätzliche Lebensentscheidungen eine Rolle: Wenn es an die Berufswahl geht, dann sagen junge Frauen oft: „Ich will mit Menschen arbeiten“ oder „was Soziales machen“. Im Schnitt sind sie genauso gut ausgebildet wie Männer. Sie entscheiden sich nur eher dafür, in persönlich erfüllenden, aber schlecht bezahlten Berufen zu arbeiten.
Nach wie vor unterbrechen auch mehr Frauen ihre Berufstätigkeit für die Familie, übernehmen unbezahlt die Care-Arbeit und steigen in Teilzeit wieder in den Beruf ein. Sie investieren auch weniger in die private Altersvorsorge als Männer in der gleichen Situation.
Als Pfarrerin frage ich mich, welche Rolle die christliche Tradition in all dem spielt. „Geben ist seliger denn nehmen“, heißt ein bekannter Satz aus der Bibel. Ich stelle mir vor, dass auch das Ideal der Selbsthingabe eine Rolle spielt. Über lange Zeit hat ein christliches Weltbild zur Stabilisierung traditioneller Geschlechterrollen beigetragen.
Dabei gibt es auch andere Vorbilder – sogar in der Bibel. Johanna und Susanna etwa. Sie waren wohlhabend und haben Jesus und seine Jünger mit ihrem Vermögen unterstützt. Oder Lydia. Sie war Purpurhändlerin und hat Paulus in ihr großes Haus eingeladen. Diese Frauen konnten etwas geben und bewegen, weil sie etwas besessen haben. Sie sind gute Vorbilder – gegen das schlechte Gewissen, selbst für sich zu sorgen.
Vielleicht ist das ein erster Schritt: Hinzuschauen – auf Frauen, die ihr Leben in die Hand genommen haben; auf das, was gesellschaftlich ungerecht ist – vor allem aber auch auf die eigenen Finanzen. Damals wie heute braucht es beides: Dass wir einstehen für Gerechtigkeit – und dass Frauen lernen, nach Möglichkeit klug vorzusorgen. Das tut nämlich kein anderer für uns. Wie klasse wäre das, wenn wir eines Tages einmal sagen könnten: Früher, da war Altersarmut einmal weiblich …
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