Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Seit einigen Jahren habe ich eine Seelsorgerin. Ich spreche regelmäßig mit ihr über mein Leben, meinen Beruf und viel über meinen Glauben. Und es tut mir gut, die unterschiedlichen Fäden meines Lebens zu sortieren und manchmal auch zu entwirren, wenn sich etwas verknotet hat.
Von meiner Seelsorgerin habe ich ein Bild geschenkt bekommen. Gemalt hat es die englische Künstlerin Rachel Noel. Maria ist darauf zu sehen wie sie Knoten aus zahlreichen bunten Fäden entwirrt. Und auf den einzelnen verknoteten Fäden stehen Worte wie: Ärger, Angst, Freude, Liebe, Verletzlichkeit, Einsamkeit, Hoffnung. Und dann stehen da noch Fragen: Bin ich gut genug? Kann ich vertrauen? Wie das eben manchmal so ist im Leben. Besonders, wenn es mir zu viel wird und ich die einzelnen Fäden meines Lebens nicht mehr auseinanderbekomme. Wenn sie sich miteinander und in meinem Herzen verknotet haben zu Fragen wie diesen: Kann ich noch hoffen angesichts der Kriege in der Welt? Wo bleibe ich mit meiner Verletzlichkeit? Wo lasse ich meinen Ärger über die Ungerechtigkeit?
Die Maria auf dem Bild strahlt eine freundliche Ruhe aus. Sie entknotet geduldig all diese Fäden. Und sie verwandelt damit die Worte und Fragen in Zusagen: Auf den entknoteten Fäden stehen Worte aus der Bibel: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen! Du bist wunderbar gemacht! Ich werde ihr Elend in Lob verwandeln! Friede über alle Vernunft!
Oft sitze ich inzwischen vor dem Bild, werde still und lasse mich von Maria, der Knotenlöserin, berühren und bete: Entwirre mich. Zeige mir die Schönheit meiner Lebensfäden. Lass sie wehen im Glanz deines Lichtes, zur Ruhe kommen in dir Und heute denke ich dabei an die vielen christlichen Kirchen, die Mariä Himmelfahrt feiern. Für mich ist Maria mehr als eine Gestalt aus vergangenen Zeiten. Sie ist zu einer Begleiterin im Glauben und eine weibliche Verbündete auf meinem Weg durchs Leben geworden. Eine, die geduldig Knoten löst, und Hoffnung wachsen lässt.
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