Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

04AUG2026
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Jedes Jahr bin ich mit ungefähr 30 Bikern auf einer Motorradwallfahrt unterwegs. Es ging schon nach Burgund, Irland oder Assisi. Wenn der lange Tross von Motorrädern in ein italienisches Städtchen mit seinen engen Gassen einfährt, ist das für mich beeindruckend. Kinder allerdings verkriechen sich oft ängstlich hinter die Beine ihrer Eltern. Was die meisten nicht fassen können ist, wenn die vermeintlichen Motorrad-Rocker ihre Helme abziehen und die Kirche betreten. Etwas breitbeinig vom langen Fahren zwar, aber ehrfürchtig. Sie beten in Stille oder stimmen einen Kanon an. Das passt so gar nicht ins Bild der Biker.

Eine dieser Kirchen heißt „Santa Maria degli Angeli“ unterhalb von Assisi. Sie ist eine der größten Kirchen der Welt und beeindruckt durch ihre riesigen Dimensionen. Aber sonst ist sie nicht gerade eine Schönheit. Eines macht sie aber einzigartig: Im Innenraum, genau in der Mitte unter der Kuppel, dort steht in der großen Kirche nochmal eine kleine Kirche, besser gesagt ein Kapellchen. Es heißt „Portiuncula“.

Zu Zeiten des Heiligen Franz stand die Kapelle noch baufällig und verloren im Eichenwald unterhalb von Assisi. Die Legende erzählt, dass Jesus zu Franziskus gesagt habe: „Siehst du nicht, dass mein Haus verfällt? Stelle es wieder her!“ Daraufhin hat Franz angefangen, wie wild baufällige Kapellen zu renovieren, so eben auch die „Portiuncula“. Erst später hat er gemerkt, dass sich der Auftrag Jesu eigentlich auf die Missstände in der Amtskirche bezogen hatte.

Für Franz war die kleine „Portiuncula-Kapelle“ ein heiliger Ort. Hier hat er Gott intensiv gespürt. Und schließlich hat er sich auch gewünscht, dort im Kreis seiner Freunde zu sterben. So war es dann auch, und deshalb wurde die „Portiuncula“ zu einem Pilgerort. Papst Pius V. ließ dann zu ihrem Schutz die große Kathedrale darüber bauen.

In Lederklamotten mit Helm unterm Arm durchquere ich also die Riesenkirche. Schon etwas enttäuschend, die klotzige Atmosphäre. Als ich aber die kleine „Portiuncula“ betrete, da bin ich plötzlich ergriffen von der Einfachheit und Ausstrahlung dieses Jahrhunderte alten Bauwerks. Und auch an den Menschen um mich herum merke ich, dass hier noch etwas vom Geist des Heiligen Franziskus spürbar ist.

Vielleicht ist es so auch mit uns Motorrad-Wallfahrern: von außen wirken wir manchmal laut, schnell und ein bisschen derb. Aber unter Helm und Leder, da stecken einzigartige Menschen. Menschen auf der Suche nach Gott und ein paar schönen Strecken.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44924
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