Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

03AUG2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Der Yosemite Nationalpark im Westen der USA ist ein Naturereignis: steile Felswände, seltene Tiere und spektakuläre Wasserfälle. Wer hier wandert, dem kann das Herz aufgehen. Mit verantwortlich dafür ist John Muir. Er hatte Präsident Roosevelt davon überzeugt, dieses Gebiet zum Nationalpark zu machen. Er hat den Präsidenten einfach zu einer mehrtägigen Camping-Tour durch das Yosemite-Tal eingeladen. Der Rest lief dann wie von allein, weil dem Präsidenten aufgegangen ist, dass diese einzigartige Natur unbedingt erhalten bleiben muss.

John Muir konnte noch mehr als Nationalpark. Er war ein echter Universalgelehrter. Er hat Bücher geschrieben, war Erfinder und dazu noch Naturforscher. Am meisten hat er es geliebt, rauszugehen in die Natur. Er hat einmal einen Satz gesagt, der mich berührt: „Wenn ich in die Landschaft des Parks eintauche, dann ist das für mich wie eine Taufe im warmen Herzen der Natur.“

John Muir vergleicht das Wandern, Schauen und Staunen mit einer Taufe. Und beides hat mit Eintauchen zu tun. In die Natur eintauchen oder ins Wasser eintauchen. Heute ist bei der Taufe meistens nur noch das Übergießen mit Weihwasser übriggeblieben, aber ursprünglich wurde man richtig unter Wasser getaucht. Und das Gefühl, wenn man wieder aufgetaucht ist, sollte deutlich machen, was Christen glauben: Mit der Geburt tauchen wir ein ins irdische Leben. Und mit dem Tod tauchen wir wieder auf – hinein ins ewige Leben. Dieser Gedanke ist faszinierend: Als ich geboren wurde, bin ich eingetaucht in unsere irdische Welt. Aber im Gesamten gesehen ist mein Leben nur ein kurzer Augenblick. Und die eigentliche Wirklichkeit ist viel größer. Erst wenn ich sterbe, werde ich wieder Teil dieser anderen Wirklichkeit.

Es gibt Momente, da kann ich auch im Hier und Jetzt schon ahnen, dass es diese andere Wirklichkeit gibt, die viel weiter ist als meine enge Welt. Und vielleicht ist es das, was John Muir gemeint hat mit dem Ausdruck, dass man getauft wird „im warmen Herzen der Natur“. Ich habe auch manchmal das Gefühl, total eins zu sein mit der Natur. Das kann mir auf einer sonnendurchfluteten Waldlichtung passieren, wenn es leicht harzig riecht und die Insekten im Sonnenlicht tanzen. Oder auf einem Berggipfel, wenn weit und breit kein Mensch und kein Geräusch ist. Nur Stille und blauer Himmel.

Dann fühle ich mich so verbunden mit Gott und meiner Welt, dass ich manchmal sogar eine Gänsehaut kriege. Und das ist für mich dann auch wie eine kleine Taufe: Eine Ahnung davon, zusammen zu gehören, eine Ahnung, dass es noch eine weitere Welt gibt – größer, weiter und einfach paradiesisch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44923
weiterlesen...