Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Freundschaften entwickeln sich. Ich finde das interessant zu beobachten: Manchmal sind Freundschaften viel Arbeit, manchmal sind sie schmerzhaft, oft sind sie einfach lustig und schön. Manche Freundschaften enden mit großem Drama. Manchmal verlaufen sie sich einfach. Manchmal halten sie ein Leben lang.
Auf dem Gymnasium war ich eng mit Katja befreundet. Wir waren beide Messdienerinnen. Ich erinnere mich, dass ich bei ihr lange Zeit immer nur auf der Haustürtreppe stand und wir uns dort unterhalten haben. Es hat gedauert, bis ich auch ins Haus durfte. Besonders in der Oberstufe waren wir eng befreundet und nach dem Abi sind wir sogar zusammen nach Irland gereist. Erst als wir beide studiert haben, haben wir uns etwas aus den Augen verloren. Und so hatten wir in den letzten Jahren keinen Kontakt mehr, außer wir liefen uns in meinem Heimatort über die Füße.
Vor einigen Wochen habe ich mit ihr eine ganz besondere Begegnung gehabt. Meine Mutter ist gestorben. Als ich nach dem Beerdigungsgottesdienst aus der Kirche komme, um auf den Friedhof zu gehen, entdecke ich Katja draußen. Unsere Blicke treffen sich. Sie nickt mir zu. Auf dem Friedhof sehe ich sie wieder, aber auch da reden wir nicht.
Sie da zu sehen, ist ungemein wichtig für mich. Trotz all der Jahre, in denen wir kaum Kontakt hatten, gibt es mir Halt in der Situation, dass sie einfach da ist. Halt in der Situation, die nur schwer auszuhalten ist.
Erst beim Sechswochenamt sprechen wir kurz miteinander. Ich sage ihr wie froh ich darüber bin, dass sie da war. Sie sagt: „Das ist selbstverständlich.“ Das finde ich nicht. Für mich war es ganz besonders. Sie war einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Ich fühlte mich nach all den Jahren mit ihr verbunden – und das ganz ohne Worte. Sie war in dieser schwierigen Situation ein Segen für mich.
Und womöglich ist das eine ganz besondere Form von Freundschaft, wenn man zum Segen füreinander wird.
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