SWR Kultur Wort zum Tag

26AUG2026
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Bei uns Zuhause war die BRAVO verboten! Dabei wollte ich sie so gerne haben. Heute wird sie 70 Jahre alt. Die Zeitschrift meiner Jugend: coole Bands, Interviews mit den Stars, schrille Outfits, Poster der Lieblingsbands, Liebesgeschichten und natürlich nackte Haut und Dr. Sommer – der Aufklärungsguru meiner Jugendzeit. In der BRAVO hat er Fragen rund um jugendliche Sexualität beantwortet. Das alles war natürlich total geheimnisvoll und für mich als Pubertierende spannend hoch zehn. Manchmal habe ich sie dann heimlich gelesen. Ich hab viel gelernt über mich und andere Körper. Ich hab vermeintlich viel über das Leben und das Lieben der Stars damals erfahren.
Und damit bin ich beim Knackpunkt: inzwischen weiß ich natürlich, dass viele der Geschichten rund um die Promis meiner Jugend erfunden waren. Oder sagen wir mal: sie haben nicht der Realität entsprochen. Die Redaktion der Zeitung hat natürlich konstruiert, was die Jugendlichen lesen wollten. Und sie haben damit Nähe geschaffen – trotz der hohen Auflage. Und natürlich waren die gezeigten nackten Körper auch nicht dick oder entstellt, sondern der Norm entsprechend. Es ist schon eine Welt entstanden, zu der ich gerne gehört hätte, und in die ich dank BRAVO eintauchen konnte.
Genau das ist das Problem - und das bieten heute Soziale Medien. Es ist sehr einfach, sich Menschen dort nahe zu fühlen und Teil ihrer imaginären Welt zu sein. Die Influencer sind Profis darin, mir vorzugaukeln, dass ich auch ihre beste Freundin bin. Und natürlich ist das Video echt und vor allem entspricht alles vollkommen der Realität.
Keine Frage, es gibt viele Menschen, die meinen es 100%ig ernst und bilden ab, was wirklich ist. Aber ich sehe auch viel auf verschiedenen Plattformen, das mir sehr seltsam vorkommt und mich mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt. Und sei es nur die toughe junge Frau, die mit Mitte dreißig alles unter einen Hut bekommt: Vollzeit-Job, zwei Kinder, Hund und Haus, Sport – sie hat einen super trainierten Körper und den Abend mit ihrem Partner auch noch. Entschuldigung, das weiß ich aus eigener Erfahrung, das kann klappen – manchmal. Meistens tut es das nicht. Macht ja auch nichts. Aber in dem Moment, in dem ich das bei ihr sehe, macht es mir Druck: das müsste ich doch auch irgendwie hinkriegen.

Wenn ich bei Social Media unterwegs bin, fällt mir wirklich immer wieder das Wort „wahrhaftig“ ein. Seid wahrhaftig. Der Wahrheit entsprechend und der Wahrheit verpflichtet – das finde ich da leider nicht immer. Und in der BRAVO auch nicht.
Aber genau das will ich inzwischen: Wahrhaftigkeit. Ehrliche Berichte über das Leben mit allem was dazu gehört. Dann würde ich auch wieder die BRAVO lesen. Inzwischen bin ich ja alt genug.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44918
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