Begegnungen

26JUL2026
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Dr. Vincenzo Petracca Foto: Sandra Schildwächter

Martina Steinbrecher trifft den Heidelberger Citykirchenpfarrer Vincenzo Petracca

Nach der Diskussion um das Eintrittsgeld von 12 Euro, das für einen Besuch des Kölner Doms seit diesem Monat fällig ist, bin ich neugierig, wie andere große Kirchen mit dieser Frage umgehen. Auch die Heiliggeistkirche in Heidelberg ist ein Touristenmagnet. Vincenzo Petracca preist ihre verkehrsgünstige Lage genau auf halber Strecke zwischen zwei Heidelberger Hotspots: der Alten Brücke und dem alten Schloss.   

… und Heidelberg Marketing meint, dass so im Jahr so rund eine Million Leute die Kirche besuchen. Die kommen aber nicht schön verteilt übers Jahr, sondern vor allem in den Touristenmonaten. Das ist hier zwischen Ostern bis Ende Oktober.

Ich kann es selbst beobachten, als ich mich an einem Freitagvormittag im Juli für eine Stunde in die Kirche setze. Bestuhlt ist nur der runde Chorraum; das Langschiff ist leer. So wirkt der Innenraum noch viel größer. Menschen mit Rucksäcken und Reiseführern in der Hand kommen herein; viele sind als Touristen aus Fernost gut zu erkennen.

Die kommen in den Kirchenraum ohne eine genaue Erwartung, und viele von ihnen zünden dann doch, ohne dass sie es vorhatten, eine Kerze an. Die Zahl können wir genau sagen, im Jahr werden bei uns 70 000 Kerzen angezündet. Die Zahl kennen wir so genau, weil wir sie kaufen müssen.

Eine Kerze anzünden. An jemand denken, hoffen oder auch dankbar sein: Eine Geste, die nicht erst erklärt werden muss und auch über Konfessions- und Religionsgrenzen hinaus funktioniert. Es geht aber auch konkreter:

Wir haben eine Fürbittwand. An bunten Zetteln kann man Bitten, Dank, irgendwelche Anliegen anbringen. Und da sind oft Bitten in Sprachen, die ich gar nicht entziffern kann. Also, das wird international stark wahrgenommen.

Die Heiliggeistkirche hat eine lange und wechselvolle Geschichte hinter sich. Sie war Gründungsort der ersten Universität auf deutschem Boden, Grablege von Kurfürsten, Universitätskirche; immer Kirche am Markt. Über zehn Mal hat sie in sechshundert Jahren ihre Zugehörigkeit gewechselt; war schon lutherisch, reformiert, römisch-katholisches und altkatholisches Gotteshaus. Allerdings: Zu sehen gibt es in der gotischen Kirche nicht so viel. Die Kirchenfenster, durch die das Licht einfällt, und die Säulen, die den Blik nach oben ziehen, sind für Vincenzo Petracca aber spektakulär genug:

Ich liebe Gotik, Gotik lebt von Weite, Gotik lebt von Licht. Die Sonne geht morgens im Chorraum auf und geht abends im Westfenster unter. Und wenn man genau schaut, werden die Augen durch das Licht entweder nach vorne in den Altarraum gezogen oder nach oben. Und genau das will Gotik machen, den unsichtbaren Gott erlebbar machen.

Steine und Architektur – erdacht und erbaut, um den unsichtbaren Gott erlebbar zu machen. Und ich verstehe noch besser, warum so viele Menschen spontan eine Kerze anzünden – egal, welche Vorstellung von Gott sie vielleicht haben.

Der Kölner Dom, so war es überall zu lesen, verursacht Kosten von rund 44.000 €. Am Tag! Der Betrieb der Heiliggeistkirche kostet rund 100.000 Euro im Jahr. Ein wichtiger Unterschied zu Köln: Den teuren Bauunterhalt trägt in Heidelberg eine Stiftung; die Stiftung Schönau. Und das schon seit gut 500 Jahren. Damals hatten die Kurfürsten die Reformation eingeführt. Und damit floss alles Geld, das Kirchen und Klöster erwirtschaftet haben, in die Kassen der Kürfürsten. Nicht so in Heidelberg – hier hatten die Regenten die geniale Idee …

… das Geld, das sie bekommen haben, die Einnahmen durch die Verstaatlichung der Klöster, nicht einfach ihrer Kasse zuzuschlagen, sondern eine Stiftung einzurichten mit dem Auftrag, Kirchen zu unterhalten. Und davon lebt heute noch die Heiliggeistkirche.

… und viele andere Kirchen und Pfarrhäuser in ganz Baden. Nachhaltigkeit aus dem 16. Jahrhundert, die sich bis heute auszahlt! Und einer der Gründe, warum es an Heiliggeist auch keine Pläne gibt, in nächster Zeit Eintrittsgelder für Besucher einzuführen. Für das, was in der Kirche passieren soll, werden aber trotzdem jede Menge Spenden gebraucht, und Vincenzo Petracca hat in den letzten zehn Jahren dafür schon viele Partner gewonnen. Und ein ehrgeiziges Projekt angekurbelt:

Wir hatten hier im Raum eine der wichtigen Renaissance-Bibliotheken des Abendlandes; die wurde 1623 nach Rom verschleppt. Wir wollen das hier mit einer Dauerausstellung zurückholen, die Bibliotheca Palatina an ihrem Ursprungsort, zumindest virtuell und digital.

Ein Ort für Kultur, für Gottesdienste – offen und zugänglich für alle. Schön, dass diese Kirche so lebendig ist. Und täglich besucht wird. Von Touristen aus aller Welt, von Leuten aus der Stadt, von Kunst- und Geschichtsliebhaberinnen, von Menschen auf der Suche nach Begegnung mit Gott und mit Menschen – und das alles weiterhin ganz umsonst!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44886
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