Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Ich komme auf den Pausenhof der Grundschule. Eigentlich sollten die Schüler jetzt an ihrem Aufstellplatz stehen, damit ich sie mit in ihre Klasse nehmen kann. Aber meine Erstklässler sind in heller Aufregung: „Frau Waßmann-Böhm, komm schnell, der Paul und die Sophie hauen sich.“ Ich gehe dazwischen und spreche ein Machtwort. „Schluss jetzt! Gebt euch die Hand. Entschuldigt euch beieinander!“ „Aber die hat angefangen!“ mault Paul. „Nein, der war’s, der hat mich die ganze Zeit geärgert!“ regt sich Sophie auf. „Es ist mir egal, wer angefangen hat. Ihr hört jetzt beide auf und entschuldigt euch beieinander!“ Nicht wirklich überzeugt nuscheln die beiden eine Entschuldigung.
Und ich bin auch nicht wirklich überzeugt von meinem Machtwort. Denke an so manchen eigenen Streit, bei dem ich nicht nachgeben wollte. Da fällt mir dieses Bilderbuch ein, das ich meinen Erstklässlern in der nächsten Relistunde dann auch vorlese. Es handelt von zwei Kerlen und heißt „Du hast angefangen – Nein, du!“ Die beiden Kerle geraten über eine Kleinigkeit miteinander in Streit. Schließlich eskaliert der Streit in einer handfesten Auseinandersetzung. Am Ende wissen sie gar nicht mehr, warum sie sich eigentlich gestritten haben und wer angefangen hat. Und dann vertragen sie sich und können sogar miteinander lachen.
Meine Erstklässler sind schlau. Sie haben verstanden, warum ich ihnen dieses Buch vorgelesen habe. Und ich habe auch etwas verstanden: Oft genug könnte ich mir dieses Buch nämlich selbst vorlesen. Wenn ich mal wieder bockig darauf beharre, dass ich nicht schuld bin und ich ja nichts dafür kann, dass der andere angefangen hat. Ich bräuchte aber noch nicht einmal ein ganzes Buch zu lesen, es würde reichen, wenn ich mir diesen einen Satz merke, den Paulus den Römern ins Buch geschrieben hat: „Soweit es auf dich ankommt, leb mit allen Menschen in Frieden.“ (Römer 12,18). Und ich ergänze: Auch, wenn der andere angefangen hat.
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