Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

27JUL2026
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Ich habe ein altes Foto entdeckt von mir und meinem Cousin. Da sind wir ungefähr fünf oder sechs Jahre alt und sitzen vergnügt auf dem Badewannenrand im Bad meiner Tante. Gleich geht es raus zum Spielen. Im Gesicht haben wir jeder fünf Cremepunkte: Auf der Stirn und am Kinn, rechts und links auf den Wangen und einen auf der Nase. Wir grinsen als kleine Crememonster in die Kamera und strecken fröhlich die Zunge raus. Und ich erinnere mich, dass meine Tante das immer so gemacht hat: Bevor wir rausgegangen sind zum Spielen, gab es noch mal eine dicke Portion Creme ins Gesicht. Im Sommer Sonnencreme, im Winter Fettcreme. Und immer als Punkte in der gleichen Reihenfolge: Von der Stirn zum Kinn, von der linken zur rechten Wange und zum Schluss mit einem Lächeln auf die Nase.

Damals fanden wir die Cremepunkte einfach lustig und durften sie uns dann selbst im ganzen Gesicht verschmieren. Wenn ich das Foto heute anschaue, dann ergeben die fünf Punkte zusammen ein Kreuz. Auch die Geste meiner Tante passt dazu. Eine Bewegung mit der Hand, von oben nach unten, von links nach rechts. Wie die Pfarrerin beim Segen in der Kirche, bei der Trauung oder Taufe.

Ob meine Tante das jemals bewusst so gemacht hat, weiß ich nicht. Wahrscheinlich nicht. Aber ich bin sicher: Sie wollte uns etwas mitgeben. Nicht nur eine Schicht Creme als Sonnenschutz oder gegen die Kälte. Sondern das Gefühl: Geht hinaus. Ganz unbeschwert. Habt viel Spaß! Und kommt dann gut wieder nach Hause. Ein kleiner Creme-Segen, den sie uns jedes Mal mitgegeben hat. Ganz ohne Worte, mit fünf Punkten und mit viel Liebe: Seid behütet!

Wie gut wäre es, wenn wir einander öfter so verabschieden würden – mit einer Geste, einem Blick oder einem Wort, das sagt: Sei behütet!

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