Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Wenn sie vorne stehen und alle Kinder ein Segenslied für sie singen, wird die eine oder andere Träne fließen – bei den Viertklässlern, die wir nachher im Schulgottesdienst verabschieden. Heute beginnen die Sommerferien, und es ist ihr letzter Schultag an der Grundschule. Der Abschied ist ein bisschen traurig. Und ziemlich aufregend.
Nach den Ferien geht es für sie an unterschiedlichen Schulen weiter. Für viele der Kinder haben in diesem Schuljahr deshalb die Noten eine große Rolle gespielt. Für manche ging es darum, ob sie auf die Schule gehen können, die sie sich gewünscht haben – oder eben nicht. Manche sind stolz auf ihre Leistungen. Andere sind enttäuscht. Die Zeugnisse, die heute ausgegeben werden, scheinen schwarz auf weiß zu zeigen, was jemand kann – und was nicht.
In der Bibel gibt es eine Geschichte, die zeigt: Was auf den ersten Blick zu sehen ist, täuscht oft. Der Prophet Samuel soll einen neuen König auswählen. Er schaut sich die Söhne Isais an. Da steht einer größer und stärker da als der andere. Samuel denkt: Der Größte und Stärkste muss es sein. Aber Gott sagt zu ihm: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“ (1. Samuel 16,7). Am Ende wird David ausgewählt. Nicht der Größte, nicht der Erfolgreichste, nicht der Eindrucksvollste. David ist damals noch ein Hirtenjunge. Übersehen von vielen. Aber Gott sieht mehr in ihm. Er sieht sein Herz. Er sieht, was wirklich in ihm steckt.
Das ist eine gute Botschaft für den Zeugnistag: Ja, Noten sagen etwas aus über eine Begabung in einem Fach, über Fleiß und Anstrengungsbereitschaft. Aber keine Note kann messen, wie gut jemand seinen Freund tröstet. Keine Klassenarbeit bewertet Hilfsbereitschaft oder Mut. Aus Zeugnisnoten kann man auch nicht erkennen, wer Humor hat oder wer es geschafft hat, nach Misserfolgen weiterzumachen.
Und außerdem: Ein Zeugnis ist immer nur eine Momentaufnahme! Wer weiß, auf welchen Wegen die Kinder ihre Begabungen neu entdecken werden – und was sie noch alles schaffen können.
Im Schulgottesdienst heute geben wir den Viertklässlerinnen und allen anderen Kindern Gottes Segen für die Ferien mit. Und die Botschaft: Gott schaut tiefer. Für ihn ist kein Kind eine Eins, eine Drei oder eine Fünf. Gott sieht genau dich, Tom, dich, Elif, dich, Malou, und sieht, dass du einmalig bist. Er sieht die Möglichkeiten, die noch wachsen. Und eine Würde, die niemand dir nehmen kann.
Deshalb wünsche ich allen Schülerinnen und Schülern auf dem Weg in die Sommerferien: Vergesst nicht: Ihr seid mehr als eure Noten. Oder wie Gott es dem Propheten Samuel gesagt hat: Der Mensch sieht, was vor Augen ist – Gott aber sieht das Herz.
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