SWR4 Abendgedanken

31JUL2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Sichern“ -dieses Wort kennen wir aus der Werbung. Verlockend wird uns vor Augen geführt, was morgen vielleicht schon nicht mehr zu haben ist. In allen Variationen und mit immer wieder neuen verheißungsvollen Versprechungen: Melden sie sich noch heute zum Newsletter an und sichern sie sich einen Rabattgutschein. … Sichern sie sich telefonisch die letzten Exemplare dieser Uhr. … Oder: Nur noch bis 24 Uhr können sie sich eine Kabine auf unserer Karibikkreuzfahrt zum Sonderpreis reservieren lassen.

Die französische Autorin und Mystikerin Madeleine Delbrel verwendet dieses Wort ganz anders. Sie fragt nicht, wie ich mir selbst etwas sichern kann, sondern wie es gelingen kann Gott einen Ort zu sichern. Mitten in meinem Alltag. Mit seinen Herausforderungen. Im Wettbewerb und in der Jagd nach Vorteilen.

Gott einen Ort zu sichern, das schaffe ich selbst nicht. Auch nicht durch viele Gebete, oder häufige Gottesdienstbesuche. Auch zu meinen, ich müsste Gott erst herbeiholen- das wäre ein gewaltiger Irrtum. Gott ist längst da. Es geht drum, ihm Raum zu geben, den ich so oft mit anderen Dingen fülle.

Nahe bei meiner Wohnung steht eine romanische Dorfkirche. Seit fast 900 Jahren. Ich gehe gerne dort hin. Sie ist ein guter Ort zum Aufatmen und Nachdenken. Ein Ort der Stille. Dort spüre ich: Gott wohnt nicht zwischen alten Mauern. Gott wohnt in mir. In meinen Mitmenschen. Dort wo sie und ich lieben und leiden. Hoffen und zweifeln.

Vielleicht ist das der Ort, den Gott sucht: ein offenes Herz.

In einem modernen Kirchenlied heißt es:  Weißt Du, wo der Himmel ist? Die Antwort lautet: Du bist mitten drinnen. Ein schöner Gedanke. Der Himmel beginnt nicht erst irgendwann und irgendwo. Er ist schon da. Hier und jetzt. Davon erzählt auch die Bibel. In der Geschichte der Taufe Jesu. Kaum hat Johannes Jesus im Jordan getauft, öffnet sich der Himmel.

Gott sucht keinen fernen Ort. Ein offenes Herz genügt. Mehr braucht es nicht.

Gott einen Ort sichern. Vielleicht heißt das ganz einfach: ihm Raum geben. In meinem Leben. In meinem Herzen. Und überall dort, wo Menschen einander lieben, sich tragen und nicht allein lassen. Der Himmel? Vielleicht bin ich tatsächlich mittendrin.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44852
weiterlesen...