SWR4 Abendgedanken
Ich arbeite als Seelsorger im Krankenhaus. Ruhig ist es hier nie. Geräusche gibt es Tag und Nacht. Da gib es den Schrei der Kinder, die gerade geboren sind und den schweren Atem von Menschen, die unter Schmerzen leiden. Auf der Intensivstation piepst es an allen Ecken und Enden an den medizinischen Geräten mit Kurven und Zahlen auf dem Display. Und draußen erst, wie aus heiterem Himmel der Lärm des Rettungshubschraubers und schriller geht es wohl kaum: das Martinshorn des Krankenwagens. Nein zur Ruhe kommt dieses Haus nie.
In unserer Krankenhauskapelle steht ein Klavier. Ein ganz anderer Klang geht von ihm aus. Als ich vor Tagen spät abends in mein Büro bei der Kapelle lief, spielte dort ein Patient. Er flutete den Flur mit wohltuenden Klängen und hatte seine Freude daran.
Das brauche ich vor der Nacht, meinte er und spielte weiter.
Wie wohltuend, dachte ich mir nach einem langen Tag. Könnten es doch all die Patientinnen und Patienten hier im Haus hören und so vielleicht ein wenig zur Ruhe kommen. Klänge die uns Menschen guttun. Die zur Heilung beitragen. Musik, die wir hören und Lieder, die wir singen. Der Klang einer Klangschale, die meinen Körper in Schwingung bringt. Die vertraute Stimme eines lieben Menschen, die ich schon von weitem erkenne. Zwitschernde Vögel in den Bäumen vor dem Fenster und das Lachen der Kinder im Freibad nebenan.
Den so ganz anderen Klängen Raum zu geben ist manchmal ganz schön schwer. Nicht nur im Krankenhaus. Unsere Welt ist sehr laut. Pausenlos werden wir berieselt. Wenn wir wollen können wir die Nacht zum Tag machen. Doch ein Versuch ist es immer wert. Still zu werden. Und vielleicht braucht es spät am Abend nur noch diesen einen Klang: den der Stille. Ich liege und schlafe ganz mit Frieden. Du Gott hilfst mir, dass ich sicher wohne heißt es in einem Abendgebet. Es sind nur wenige Worte, die mir guttun. Ein stilles Vertrauen, dass Gott da ist. Wie bei einem Kind, das viel besser einschläft im Bett seiner Eltern.
Kommen Sie gut durch diesen Abend und behütet durch die Nacht.
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