SWR4 Abendgedanken
Vom Auto wurde er angefahren. Glück im Unglück hatte er. Der Patient im Krankenhaus erzählt mir den Unfallhergang bis ins Detail. Außer etlichen Prellungen am Bein und der schmerzhaften Verletzung seiner Schulter ist er wohlauf. Das braucht Zeit und Tag für Tag 30 Minuten Physiotherapie. Und dann beginnt seine eigentliche Geschichte.
Gesternwar wieder die Physiotherapeutin bei mir. Die versteht ihr Handwerk, meint er schmunzelnd. Von seiner Liebe zum Singen, zu dem er sich selbst mit der Gitarre begleitet, hat er ihr während der Behandlungen immer wieder erzählt.
Die Therapeutin, so erzählt er mir dann stolz, wollte vor Tagen von mir den Text zum Lied: Der Mond ist aufgegangen. Das habe er sich nicht zweimal sagen lassen und während sie ihn behandelte, hat er ihr den Text nicht nur aufgesagt, sondern stolz vorgesungen. Alle sieben Strophen natürlich.
Beim nächsten Besuch brachte die Therapeutin dann ihre Gitarre mit und meinte: Spielen Sie doch damit, ich brauch die die nächsten Tage nicht. Was jetzt geschah grenzt für ihn an ein kleines Wunder. Stundenlang hat er Gitarre gespielt und gesungen. Im Einzelzimmer war das problemlos möglich. Die Schmerzen in der Schulter hat er dabei immer mehr vergessen. Er war ganz konzentriert auf sein Instrument, den Klang, die vibrierenden Saiten und Schwingungen. Die Physiotherapeutin bekommt jetzt fast täglich eine Kostprobe aus seinem Programm.
Ich liebe diese Geschichte. Gitarrensaiten klingen nicht aus sich selbst. Sie müssen berührt werden. Vorsichtig, oder auch kraftvoll, damit sie in Schwingung geraten.
So ist das auch bei uns Menschen. Wir werden berührt. Von anderen Menschen. Von einem Lied. Vom Klang der Musik. Ja der Mann hatte Schmerzen. Seine Mobilität war eingeschränkt. Seine Schulter verletzt. Aber da ist noch mehr. Seine Stimme. Seine Liebe zur Musik. Sein Stolz der Therapeutin etwas vorzusingen. Er war nicht nur Patient für die Therapeutin. Nicht nur einer, der von einem Auto angefahren wurde. Er ist auch ein Mensch, der singt und seine ganz persönliche Stimme hat. Die Gitarre unter den Arm nimmt und ihre Saiten anschlägt. Dann gerät etwas in Schwingung. Die Saiten der Gitarre. Und auch seine Seele. Manchmal braucht es dazu einen Menschen, der uns berührt. Oder einfach eine Physiotherapeutin, die nicht nur die Schulter behandelt, sondern einfach auch mal ihre Gitarre mitbringt.
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