SWR4 Abendgedanken
Wer hätte das gedacht?! Mit dieser Frage beginnt meine Schwiegermutter immer wieder staunend, wenn sie aus ihrem Leben erzählt. Und sie hat mit ihren 97 Jahren sehr viel zu erzählen. Sie erzählt ihre Geschichten immer so, als würde sie all das noch einmal durchleben. Manchmal mit einer kleinen Träne in den Augen. Geschichten vom Krieg und vom Frieden. Vom Glück von der großen Familie getragen zu sein. Liebesgeschichten vom unvergessenen Partner und vom Glück genau ihn gefunden zu haben. Geschichten von der Geburt und dem Stolz auf die Kinder, Enkel und Urenkel.
Aber auch leidvolle Geschichten vom Sterben und all ihren Lieben, die nicht mehr da sind.
Wer hätte das gedacht?!
Meine Schwiegermutter kann über ihr Leben noch immer staunen. Denn was kann man schon groß planen. Vieles kommt uns entgegen. Anders als erwartet. Überraschend. Unverfügbar. Das lehrt uns jede Minute schon.
Wer hätte das gedacht?!
Wenn meine Schwiegermutter so beginnt, ist sie dankbar, verwundert und nachdenklich zugleich. Ich muss an einen Text in der Bibel denken, der mich beim Lesen immer wieder berührt. Er erzählt die Geschichte von der Rückkehr des Volkes Israel aus dem babylonischen Exil. All das war für die Menschen damals unerwartet und überwältigend. Fast wie im Traum. Nach Jahrzehnten der Vertreibung hatte kaum jemand noch damit gerechnet jemals Jerusalem wiederzusehen. Jüdinnen und Juden erinnern sich bis heute im Psalm daran, wie sie in die geliebte Heimat zurückkehren durften und den Tempel wieder aufbauten. Vielleicht haben sie die folgenden Verse gesungen, als sie endlich durch die Stadtore Jerusalems schritten.
Als Gott uns heimbrachte aus der Gefangenschaft nach Jerusalem,
das war wie ein Traum.
Wir lachten aus vollem Hals und jubelten laut vor Freude.
Auch die anderen Völker mussten zugeben:
Was Gott für sie getan hat, ist groß und gewaltig!
Wir waren außer uns vor Freude.
Wer hätte das gedacht?!
Immer wieder staunen, wie sich etwas entwickelt. Schauen auf das, was mir geschenkt wird. Womit ich vielleicht nie gerechnet hatte. Denn mein Leben ist größer und überraschender, als ich es mir jemals ausmalen könnte. Und am Ende eines Tages ist es gut, wenn ich bei allem, was war dankbar und staunend sagen kann: Wer hätte das gedacht?!
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