SWR4 Abendgedanken

23JUL2026
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Ich liebe jüdische Legenden. Zum Beispiel diese: Eines Tages besucht ein wohlhabender Mann einen jüdischen Rabbi. Als er dessen Wohnung betritt, ist er überrascht: der Rabbi wohnt in einem einzigen Zimmer mit nur wenigen Möbeln. Verwundert fragt der Besucher: „Wo sind denn all die anderen Möbel?“ Der Rabbi schaut ihn an und fragt zurück: „Wo haben Sie denn ihre Möbel?“ Der Besucher stutzt: „Meine? Ich bin doch nur zu Besuch hier. Ich bin auf der Durchreise.“ Da lächelt der Rabbi und sagt: „Ich auch.“

Diese kleine Geschichte finde ich wunderbar, aber sie trifft mich auch. Denn sie erinnert mich daran: Auch ich bin in meinem Leben nur auf der Durchreise. Dabei kann das Leben so schön sein. Ich würde es gerne festhalten. Aber in Wahrheit ist es nur ein Weg, ein Unterwegssein zu einem ganz anderen Ort. Mein letztes Zuhause wartet noch auf mich im Himmel.

Ich vergesse das so leicht. Ich lebe oft so, als würde ich für immer hier auf der Erde bleiben. Ich sammle Dinge an, sorge mich um meinen Besitz, halte fest an dem, was ich habe. Meine Möbel, meine Bücher, meine Beziehungen. Ich tue so, als wäre das alles für die Ewigkeit. Dabei weiß ich eigentlich genau: Nichts davon kann ich einmal mitnehmen, wenn mein Leben zu Ende geht.

Ein Bibelwort aus dem Hebräerbrief bringt es auf den Punkt: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebr.13,14)  

Das bedeutet jetzt nicht, dass mein Leben hier auf der Erde unwichtig wäre. Ganz im Gegenteil. Gerade weil es eine Durchreise ist, bekommt es seinen besonderen Wert. Jeder Tag ist kostbar. Jede Begegnung zählt. Aber ich kann nichts davon festhalten. Ich kann mich nicht absichern, nicht alles kontrollieren.

Vielleicht liegt darin auch eine große Freiheit: zu wissen, ich muss keine Angst haben, etwas zu verpassen oder etwas zu verlieren. Ich darf mit leichtem Gepäck unterwegs sein. Ich darf teilen und loslassen. Und ich darf darauf vertrauen: Am Ende meiner Reise steht nicht das Nichts, sondern der Himmel. Mein Ziel ist Gott. Am Ende wartet er auf mich.

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