Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ich habe ein Jahr in Wien studiert. Vierzig Jahre ist das jetzt her, und die Stadt hat sich seitdem gewaltig verändert. Zum Positiven. Was für eine Großstadt keineswegs selbstverständlich ist. Wien ist moderner geworden, vielfältiger, auch toleranter und weltoffener, irgendwie auch „schöner“.
Was ich besonders bemerkenswert finde: Wien ist eine Stadt, die für ihre Bewohner etwas tut. Das war schon in den achtziger Jahren während meines Studienjahres unübersehbar und mein Eindruck hat sich noch verstärkt, als ich im Mai dort war. Sozialen Wohnungsbau gab es in Wien schon vor hundert Jahren. Exemplarisch steht dafür der Karl-Marx-Hof in Heiligenstadt, der so etwas wie das Pionierprojekt dafür ist: 1930 fertig gestellt; eine freundlich gestaltete Wohnhausanlage, mit über einem Kilometer Länge die größte ihrer Art auf der ganzen Welt. Großzügige Grünflächen drumherum, die für Frischluft sorgen und die Sommerhitze eindämmen, und dafür gemacht, dass die Bewohner zusammenkommen können. Wie modern das ist! Auch aktuell wird in Wien überall gebaut und für bezahlbaren Wohnraum Werbung gemacht. Eine Wohnung zu haben ist ein Menschenrecht, aber vielerorts kaum bezahlbar. In Wien schon.
Dann der Verkehr. Wien verfügt über eines der besten und dichtesten öffentlichen Verkehrsnetze weltweit. Ich bin jedes Mal fasziniert, wie schnell und bequem ich in der Stadt unterwegs bin und alle Ziele erreichen kann. Auch in Wien fahren viele Autos, klar. Aber wer will, kann sich auch mit der U-Bahn oder der Bim, wie die Straßenbahn hier heißt, umweltfreundlich fortbewegen. Und wer es sich nicht leisten kann, bekommt eine stattliche Unterstützung.
Wien ist auch eine saubere Stadt. Während bei mir in Tübingen die Abfalleimer immer mehr abgebaut werden, findet man die dort an jeder Ecke. Und unübersehbar gibt’s viele Angestellte bei der Stadtreinigung, die täglich unterwegs sind.
Es gibt noch weit mehr, was auffällt: Kostenlose Freizeiteinrichtungen, überall Parkanlagen mitten in der Stadt, an allen Hydranten kann man Trinkwasser entnehmen oder sich erfrischen. Und einmal im Monat gibt es freien Eintritt in die Museen.
Für mich ist – ohne übertreiben zu wollen – so etwas wie praktizierte Nächstenliebe. Ich weiß schon, dass das alles Geld kostet, und dass die Geldbeutel unserer Kommunen leer sind. Trotzdem bleibt es immer von neuem eine Entscheidung, wofür Steuergelder ausgegeben werden. In Wien haben die Bewohner etwas davon. Und das finde ich nur richtig.
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