Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Zu meiner Priesterweihe 1995 habe ich Geschenke bekommen. Eines davon halte ich besonders in Ehren. Es ist ein Kunstdruck mit folgender Botschaft: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“ Das ist eine steile These, eine strenge Behauptung. Weil sie absolut ist und ausschließlich, weil sie kein Ausweichen erlaubt und keine Alternative anbietet. Entweder die Kirche ist für die Menschen da, unterstützt sie in ihren Fragen und Nöten – oder sie verliert ihre Daseinsberechtigung. Weil sie andernfalls eine von den Institutionen ist, die viel Geld verschlingen, aber keinen Nutzen bringen. Ohne zu dienen, verliert die Kirche aber auch den Auftrag, den Jesus selbst tief in ihrem Inneren verankert wissen wollte. Er kommt immer wieder darauf zu sprechen, was die Frauen und Männer auszeichnen soll, die in seinem Sinne leben. Er sagt dann Sätze wie: Der Menschensohn – also er – ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen.“[1]
Als er vor seinem Tod denen die Füße wäscht, die beim Letzten Abendmahl mit ihm zusammen sind, zeigt er damit, wie er den Dienst meint, von dem er immer wieder gesprochen hat: sich klein machen, dem Schmutz der Erde nicht aus dem Weg gehen, sich nicht für etwas Besseres halten, mit den eigenen Händen Gutes tun.
„Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“ Es ist aufschlussreich zu wissen, von wem der Satz stammt. Jacques Gaillot war 13 Jahre lang Bischof im französischen Évreux. Bis ihn Papst Johannes Paul II. 1995 abgesetzt hat. Gaillot war zu oft aufgefallen, weil er sich für eine menschenfreundliche Einwanderungspolitik engagiert, öffentlich die Nutzung von Kondomen im Kampf gegen HIV propagiert und für die Priesterweihe verheirateter Männer ausgesprochen hatte. Als er dann auch noch als Aktivist in der Friedenspolitik auftrat, war offenbar das Maß voll und die französische Regierung wurde im Vatikan vorstellig. Gaillot musste gehen. Zu seinem Abschiedsgottesdienst in Évreux reisten 50.000 Katholiken aus ganz Frankreich in Bussen und Sonderzügen an.
Die Menschen haben offenbar verstanden, wie das mit dem Dienen gemeint ist. Sich in vielen Einzelfällen für Menschen einzusetzen, die in einer schwierigen Lage sind. Und im gesellschaftlichen Kontext den Mund aufzumachen, wo es in Kriegen und an Ländergrenzen menschenverachtend zugeht. Dort trifft Gaillots Ausspruch den Nagel auf den Kopf: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“
[1] Markusevangelium 10,45
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44815