SWR Kultur Wort zum Tag

Siebzigjährig ist er gestorben, vor 350 Jahren, der evangelische Pfarrer Paul Gerhardt. Seine Gedichtgebete, schon zu seinen Lebzeiten geschätzt, werden längst weltweit gesungen. Über die Zeiten hinweg machen sie Freude und schenken Orientierung und Zuversicht. Das liegt natürlich wesentlich an der Musik, aber was wären sie ohne den Text?
„Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, / der allertreusten Pflege des, der die Herzen lenkt. / Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, wo dein Fuß gehen kann.“ Welch achtsames, zärtliches Bild: Meine höchst persönliche Schrittfolge wird hier in den Blick genommen, meine Wegsuche. Schon die biblischen Psalmen wussten um die Gefahr, man könnte stolpern oder auf die Nase fallen. Gut vorankommen ist nicht selbstverständlich. Und was alles kann unser Herz kränken und unser Leben sauer und bitter machen. Da schreibt einer, der den 30-jährigen Krieg miterlebt hat und schwerste Schicksalschläge zu verkraften hatte. Frau und vier der fünf Kinder sind früh verstorben, mit Kurfürst und Kirche gab es Ärger genug. Umso entschiedener und dankbarer der Blick auf die Ordnung der Schöpfung trotz allem, die „allertreueste Pflege“. Damit ist nicht nur die Großwetterlage gemeint, sondern ganz persönlich mein Fuß, mein Schritt in diesen Tag, mein kleines Leben. Welch mutiges, schönes Bild von einem Gott, der mich pfleglich begleitet und im Großen wie im Kleinen mitgeht.
Eine besondere Alltagsgefahr sieht Paul Gerhardt darin, dass unsereiner sich dauernd Sorgen macht und allzu oft mit dem Kopf durch die Wand will. Damit freilich bekommt der Tag etwas Anstrengendes und Bedrohliches, das Leben wird unnötig schwer. Klar, das Leben ist nichts für Feiglinge, und rosig ist die Lage auch nicht. Aber das soll kein Grund sein zu Resignation oder Trübsinn. Ganz im Gegenteil, zu größerem Gottvertrauen: man darf auch mit dem Guten rechnen. Gleich in der zweiten Strophe heißt es: „Mit Sorgen und mit Grämen / und mit selbsteigner Pein / lässt Gott sich gar nichts nehmen, / es muss erbeten sein.“ Das ganze Leben ins Gebet nehmen, angefangen mit diesem Tag – so lautet die Glaubenssumme Paul Gerhardts. Und so werden seit über 300 Jahren seine Lieder gesungen: „empfiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, / der allertreuesten Pflege des, der alles lenkt“.
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