SWR Kultur Wort zum Tag
Zu den schönsten Morgenliedern, die ich kenne, gehört das von Paul Gerhardt, dem dichtenden evangelischen Pfarrer. Vor 350 Jahren ist er gestorben. „Lobe den Herren. Der unser Leben, das er uns gegeben, / in dieser Nacht so väterlich bedecket / und aus dem Schlaf uns fröhlich auferwecket. Lobe den Herren.“ Ganz selbstverständlich wird das eigene Leben als Gottesgeschenk betrachtet, noch ist das Bildwort vom sorgenden Vater und guten Herrn nicht hinterfragt, und das Aufwachen am Morgen ist weit mehr als nur ein biologischer Vorgang, nämlich ein Aufgeweckt-, nein ein Auferwecktwerden. All das, was unsereiner heute Morgen schon erlebt hat, ist ja nicht selbstverständlich. Es ist Anlass zum Staunen und Danken. Lobet den Herren. Jeder Morgen ist ein Geburtstag.
Wunderbar buchstabiert das die nächste Strophe durch: „Dass unsre Sinnen wir noch brauchen können / und Händ und Füße, Zung und Lippen regen, / das haben wir zu danken seinem Segen. Lobe den Herren.“ Als würde man sich beim Aufwachen die Augen reiben und wie noch träumend feststellen: o ich lebe noch, ich erblicke das Licht der Welt wortwörtlich, alles noch da, alle Glieder noch dran und erstaunlich beweglich, mit Hand und Fuß, mit Haut und Haar. Immer wieder kommt der dichtende Pfarrer dabei auf das Bild vom Weg, vom Lebensweg. Also nicht nur „Zung und Lippen“, sondern „Händ und Fuß, also konkrete Schritte: „Gib , dass wir heute, Herr, durch dein Geleite / auf unsern Wegen unverhindert gehen und überall in deiner Gnade stehen.“
Die zehn Strophen dieses Morgenliedes sind ein einziges Staunen über den Tagesanfang, über das geglückte Erwachen. Denn es hätte auch ganz anders kommen können. Immerhin schaut der betende Dichter auf den 30-jährigen Krieg zurück, eine Hölle für ganz Mitteleuropa damals. Das tiefe Gottvertrauen, das hier Sprache gefunden hat, muss sich eben gerade in schwierigen Situationen bewähren; das Lied lässt sich nicht schmusig heruntersingen. Es kommt aus sehr konkreter Lebens- und Glaubenserfahrung. Alles, so unterstreicht es, „haben wir zu danken seinem Segen“. Segnen kommt von Signieren, mit eigener Unterschrift bestätigen. Ja, an Gottes Segen ist alles gelegen. Auf ihn ist Verlass. So möge dieser Tag mit Zuversicht beginnen und mit dem staunenden Dank eines Paul Gerhardt - „dass wir unsere Sinnen noch brauchen können. Lobe den Herrn“.
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