SWR4 Abendgedanken
Früher waren wir die Kinder - und die Eltern haben für uns gesorgt. Sie haben uns die Schuhe angezogen, für uns eingekauft und uns an Termine erinnert. Und jetzt ist es schon lange umgekehrt. Wir Kinder erinnern unseren betagten Vater an Termine. Helfen ihm, die Schuhe anzuziehen und kaufen für ihn ein. Er braucht inzwischen zunehmend mehr Unterstützung und Hilfe. Ich staune immer wieder, dass er diese Hilfe annimmt. Er ist sehr dankbar darüber.
Vor vielen Jahren hat er ganz freiwillig beschlossen, das Autofahren sein zu lassen. Wir sind immer noch stolz, dass er das so entschieden hat. In vielen Familien ist ja das Thema Autofahren im hohen Alter ein schwieriges Thema. Aber unser Vater war da mutig und klar. Fast 70 Jahre unfallfrei – dabei sollte es bleiben. Ohne Auto aber wurde er abhängig. Jetzt braucht er uns Kinder für alles, für Arztbesuche, Friseur, Besorgungen. Und das war dann ein richtig großer Schritt: Zu akzeptieren, dass er nicht mehr der souveräne Mann ist, der er ein Leben lang war.
Das wird täglich deutlicher. Ich spüre sein Ringen darum. Was es heißt, dass die Hände nicht mehr so mitmachen wie früher. Dass die Sehkraft schlechter wird. Und das Hören. Und erst die Beine, die wollen auch nicht mehr wie früher. Darüber kann man ja schon auch wütend sein und traurig. Niemand muss das gut finden. „Aber“, sagt unser alter Vater dann schon ab und zu, „ich versuche mich darauf einzustellen. Und im übrigen sehe ich dem gelassen entgegen, was da kommt“. Er ist ein gläubiger Mensch. Auch wenn er darüber nicht so viel spricht: es gibt eine Zukunft mit Gott. Daran glaubt er fest.
Alt werden ist ein Lernweg auf zwei Seiten. Für den alten Menschen beschreibt das der Theologe Fulbert Steffensky so: „Zur Freiheit des Menschen gehört die Fähigkeit und die Größe, abzudanken. Ein schönes altes Wort: Ab-danken. Nicht darauf bestehen, Meister seiner selbst zu sein. Nicht darauf bestehen, sich mit sich selbst zu begnügen. Ich brauche barmherzige Menschen, die mir mit ihrer Hilfe das Alter erträglich und liebenswert machen.“ Und wir, die wir noch etwas jünger sind, brauchen ebenso die Fähigkeit und die Größe, das „weniger Werden“ des alten Menschen anzunehmen. Dann kann es – zumindest immer wieder - eine kostbare Zeit werden, für beide Seiten!
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