SWR4 Abendgedanken
„Jessica“ lese ich auf dem Unterarm des jungen Mannes, dazu ein Datum. Vermutlich seine Liebste, sichtbar unter die Haut gestochen. Tattoos sind schwer in Mode. Als ich sehr jung war, war kaum jemand tätowiert. Ehemalige Matrosen vielleicht, sie trugen Anker oder Rosen auf der Haut. Aber sonst kannte ich keine Tätowierungen. In Japan gelten Tattoos auch heute noch als Abzeichen krimineller Vereinigungen. Man darf deshalb mit einer Tätowierung nicht ins Schwimmbad, und wenn sie noch so klein ist.
Heute sind Tattoos Mode geworden. In allen Schichten und Altersgruppen werden sie gerne und lustvoll gezeigt: Namen und Rosen, Schmetterlinge, Sinnsprüche und ganze Kunstwerke auf Armen und Beinen. Manche Menschen haben ihre Haut bunt gestaltet wie Skulpturen. Andere tragen besonders auffällige Bilder. Es ist ein Zeichen der persönlichen Freiheit, und momentan lassen sich viele darauf ein. Das muss nicht jedem gefallen.
Für mich kam ein Tattoo nie in Frage. Grundsätzlich. Meine Haut gefällt mir so, wie sie ist. Aber in letzter Zeit überlege ich und denke darüber nach. Sollte ich vielleicht doch eines stechen lassen? Ein kleines, ein sehr besonderes? Zwei versetzte Halbkreise und einen dran anschließenden ganzen Kreis – so wie O und D für Organ Donor, Organspenderin. Dieses Zeichen ist nicht offiziell, soll aber auf das wichtige Thema Organspende aufmerksam machen. Ausgedacht haben sich dieses Zeichen junge Menschen schon vor mehr als 20 Jahren. Damit mehr über Organspende gesprochen wird. Denn jeder Mensch sollte sich frühzeitig darüber Gedanken machen, eventuell als Spender bereit zu sein, um ein anderes Menschenleben zu retten.
Das sehr zarte Tattoo ist nur ein Zeichen. Es ersetzt keinen Organspendeausweis. Kein Arzt dürfte nur aufgrund des Tattoos Organe entnehmen. Aber vielleicht wäre so ein Tattoo ab und zu ein Anlass zum Gespräch über das Thema? Und für medizinisches Personal ist es ggf. ein Hinweis, gleich die Familie nach dem Spenderausweis zu fragen, so dass eine mögliche Organtransplantation schneller vonstatten gehen könnte.
Organspende ist eine Frage, die unter die Haut geht. Wie das Tattoo. Zu dem bin ich noch nicht entschieden. Aber vielleicht traue ich mich ja noch?
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