SWR4 Abendgedanken
Einmal hat Jesus gesagt: „Niemand setzt ein Stück neuen Stoff auf ein altes Gewand; denn der neue Stoff reißt doch wieder ab und es entsteht ein noch größerer Riss“ (Mt 9, 16) Eine Alltagsweisheit, die einleuchtet. Da ich meine Kleidung selbst repariere, so lange es irgendwie geht, spricht mich das besonders an. Gerade ist mir passiert, dass meine Lieblingshose nicht mehr zu retten ist. Beim besten Willen kann ich sie nicht noch einmal reparieren, der Stoff ist nach vielem Waschen, Bügeln und Anziehen total brüchig geworden. Also muss eine neue her.
Manchmal muss etwas Neues kommen – das wollte Jesus mit dem Beispiel vom alten und vom neuen Stoff zeigen. Sein „Neues“ war, dass er manche der Traditionen und Regeln der damaligen Zeit nicht mehr eingehalten hat. Nicht, weil er keine Lust dazu hatte, sondern weil sie nicht mehr passten. Weil sein Bild von Gott und religiösem Leben ein anderes war. Sich weiterentwickelt hatte.
Das ist ja ein ewiger Streit an vielen Orten - in den Kirchen, in der Gesellschaft, einfach überall, wo Menschen sind. Bis heute. Muss man mit aller Macht Gewohnheiten von früher beibehalten? Gelten Traditionen auch dann, wenn sie unsinnig geworden sind? Ist etwas wirklich immer das Beste, nur weil es schon immer so war? Oder ist es vielleicht auch irgendwann mürbe geworden und brüchig und kann gar nicht mehr gerettet werden wie meine Sommerhose?
Und wenn ich auf meine Enkelkinder schaue, die ins Leben drängen – sie und alle Jugendlichen und Kinder dieser Welt werden irgendwann Zukunft gestalten, im Großen oder im Kleinen. Sie werden ihre eigenen Ideen verfolgen. Zu Recht sehen sie manches anders als wir in der Großelterngeneration. Klimawandel, gesellschaftliche Veränderungen, die Neuordnung des Weltgefüges, der Bedeutungsverlust der Kirchen – Fragen, für die sie neue Lösungen brauchen werden. Und ich vermute stark, dass manche Lösungsversuche und manches Beharren auf dem, was wir Älteren für richtig halten, nicht unbedingt die richtigen Antworten sind. Auch jetzt schon nicht mehr sind. Das bedeutet, dass die jungen Stimmen mehr Gewicht bekommen müssen. Denn sie sind die Zukunft. Leicht finde auch ich das nicht unbedingt. Aber notwendig.
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