Begegnungen

Barbara Wurz trifft Pfarrer Stephan Seiler-Thies
Seit 2019 ist er Hochschulpfarrer an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Er ist Ansprechpartner für Studentinnen, Studentin und die Lehrenden und gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen fürs kirchliche Veranstaltungsprogramm zuständig. Alle Angebote sind wie selbstverständlich ökumenisch. Und natürlich dürfen auch alle Interessierten kommen – egal ob evangelisch, katholisch, muslimisch oder ohne Religion. Da gibt es
Wir haben Themenabende, Kochabende, Spieleabende ... dann gibt es Veranstaltungen, die wir in der Stadt machen, zum Beispiel mit der Volkshochschule, mit dem Scala oder der Landeszentrale für politische Bildung. Das können sich manche Studierende sogar fürs Studium Generale anrechnen lassen. Dann geht es mal hoch auf 150 bis 220 Studierende.
Ein Beispiel ist die Reihe „Ethik im Dialog“. Da geht es gezielt um Themen, die viele Menschen gerade bewegen: Klimawandel, Künstliche Intelligenz oder Demokratie.
Vor kurzem war der Fußball das Thema – mit der ZDF-Sportmoderatorin Claudia Neumann und dem Ehrenpräsidenten des VFB, Erwin Staud, auf dem Podium - passend zur Weltmeisterschaft.
Und ich dachen na ja: wer Ehrenpräsident ist oder Sportsjournalistin ist: die werden den Sport lieben. Und es waren aber wirklich ganz, ganz kritische Töne, dass sie gesagt haben: Wir lieben alle den Sport Fußball, da sind wir aufgewachsen, wir arbeiten in diesem Feld, aber wir sehen hier Entwicklungen, die uns einfach nicht gut gefallen, (...) die ganze Kommerzialisierung, dass sozusagen es nur noch um Geld geht, Vereine aufgekauft werden... All das war an diesem Abend da und es war auch im Publikum zu spüren.
Mich interessiert, warum die Kirchen gerade solche Diskussionsveranstaltungen überhaupt mitorganisieren. Welches ist die Rolle, die sie bei den großen Gesellschaftlichen Fragen einnehmen sollte?
Es sind vielleicht die großen gesellschaftlichen, auch vielleicht gesellschaftspolitischen Themen und trotzdem erleben wir immer wieder in Reaktionen von Podiumsteilnehmern oder vom Publikum, wie ganz, ganz persönliche Fragen plötzlich eine Rolle spielen,(...) und dann ist man plötzlich ganz nah an den Menschen ran dran. (...) Und da sage ich: Was kann Schöneres passieren? Und ich glaub da spielt der Glaube, die Ethik und auch die Kirche einfach eine Rolle, diese Frage zu ermöglichen.
Die Fragen ermöglichen. Ich denke, das beschreibt sehr treffend den Kern von Hochschulseelsorge. Denn wenn Studentinnen und Studenten das persönliche Gespräch mit Stephan Seiler-Thies suchen, dann geht es oft genau darum. Um offene Fragen und Sorgen vor der Zukunft.
Das fängt an bei Klimakrise, geht über KI, dass sie sagen: Weiß ich denn noch, ob es meinen Beruf, wenn ich mit dem Studium fertig bin, überhaupt noch so gibt? Es geht aber auch bis in ganz persönliche Fragen. Was mich wirklich überrascht hat, (...) wie viel das Thema Trauer – Abschied von Menschen, die gestorben sind – bei jungen Erwachsenen eine Rolle spielt.
Vor einiger Zeit war eine Studentin zu Stephan Seiler-Thies gekommen, weil sie den Tod ihrer Großmutter noch einmal neu verarbeiten musste. Dabei war die schon vor Jahren gestorben.
Und wir haben uns dem angenähert, dass sie gemerkt hat: sie ist von zu Hause ausgezogen, wo die Oma, die sie ihr Leben lang begleitet hat, wieder ganz wichtig und sie sich noch mal – ein zweites Mal – im Grunde verabschiedet, (...) weil sie jetzt selbst in eine neue Lebensphase einsteigt.
Mit dem Abschied vom Elternhaus und der Sicherheit des bisherigen Lebens kam auch die Trauer um den früheren Abschied zurück. Für mich ein Zeichen, wie herausfordernd der Aufbruch für junge Menschen in die Zukunft heutzutage ist. Heute scheint die sehr ungewiss. Und Stephan Seiler-Thies sieht noch eine Herausforderung:
Die jungen Menschen heute haben so wahnsinnig viele Möglichkeiten, vielleicht so viele wie niemand zuvor. (...) Also unsere Tochter hat neulich gesagt: „Es gibt über zehntausend Studiengänge.“ Ich dachte: Was, so viele? „Was soll ich jetzt studieren?“ Ich erlebe das bei ganz vielen jungen Menschen, die sagen: Die Welt steht mir offen, aber wohin soll ich denn jetzt gehen?
Natürlich ist es auch toll, so viele Möglichkeiten zu haben! Glaube und kirchliche Traditionen können da helfen, neue Orientierung und Halt zu finden. Das Wissen darüber geht bei den jungen Leuten aber immer weiter zurück, wie Stephan Seiler-Thies beobachtet. Doch gleichzeitig steigt das Interesse daran wieder. Zum Beispiel, wenn er bei einem Wanderangebot durch den Schwarzwald mit einem Segen in den Tag startet. Und ein junger Mann ihm prompt folgende Rückmeldung gibt:
"Das mit dem Morgensegen, das kenne ich nicht so. Ihr Pfarrer müsst das wahrscheinlich machen. Aber es hat trotzdem gutgetan." Und da dachte ich: Wie schön! Für ihn was ganz Neues, und er ist offen darauf zugegangen und hat gesagt: Nehme ich einfach mal so mit.
Ich denke, darum geht es dem Hochschulseelsorger Stephan Seiler-Thies: Nicht um fertige Antworten, sondern darum, jungen Menschen einen Raum zu öffnen für Fragen. Und manchmal auch, um einen Segen mit auf den Weg zu bekommen.
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