SWR Kultur Wort zum Tag
„Meine Seele ist überdehnt und ausgeleiert.“ Mit diesem Satz beschreibt der Philosoph Peter Sloterdijk, wie er sich oft fühlt. Wie ein Gummiband, das man zu oft und zu weit gespannt hat.
Für Sloterdijk ist das kein persönliches Problem, sondern betrifft viele Menschen. Er sieht uns in einem Zeitalter der Überdehnung. Unsere Wirtschaft, unser Sozialstaat, unser gesamtes Zusammenleben — die Welt rast und wir mittendrin. Alles ist überladen mit Erwartungen, die sich nicht erfüllen lassen.
Unter diesem Druck leidet nicht nur der Körper, sondern auch die Seele. Sloterdijk sagt selbst, das ist kein neues Phänomen. Auch wenn sich die Geschwindigkeit in den letzten Jahren drastisch gesteigert hat. Schon seit Jahrtausenden suchen Menschen nach Wegen, ihre Seele zu stärken.
Wie könnte so ein Trainingslager für die Seele aussehen? Um es in einem Wort zusammenzufassen: Askese. Zum Glück brauchen wir dafür kein neues Abo oder eine Fortbildung. Denn Askese besteht aus bewusstem Weglassen.
Das ist in einer Welt voller Möglichkeiten eine echte Herausforderung. Doch Weglassen klingt oft negativer, als es ist. Tatsächlich geht es darum, einen Freiraum zu gewinnen.
Um diesen Freiraum zu gewinnen, steht bei mir die digitale Stille ganz weit oben. Manche sprechen auch von Digital Detox — also Entgiftung. Das Smartphone überflutet mich immer wieder mit Nachrichten, Bildern und Apps. Da hilft es mir, das Smartphone in eine Schublade zu legen und in ein anderes Zimmer zu gehen.
Was mir auch viel Energie raubt, ist die ständige Werbung. Überall kann ich sparen, wenn ich nur schnell genug zuschlage. Da schalte ich ab und verzichte.
Und natürlich ich selbst mit meinen ToDo-Listen. Ja, ich könnte heute noch zum Sport, Sperrmüll wegbringen, Post beantworten und vieles mehr. Oder ich nehme mir weniger vor und plane Pausen ein.
Askese. Das bedeutet innehalten, bewusst nichts tun. Es gibt der Seele die Luft zum Atmen zurück. Eine starke Seele muss atmen können. Sie braucht Orte und Zeiten, an denen sie ganz bei sich ist, um danach wieder Lust auf Neues zu haben.
Ich freue mich zum Beispiel immer, wenn ich an der Autobahnkirche in Baden-Baden vorbeikomme. Da biege ich ab und setze mich einfach in eine leere Kirchenbank. Augen zu, Stille, durchatmen. Für mich ist das ein kraftvolles Training — ein Moment, um zur Ruhe zu kommen und Gedanken zu sortieren.
Eine ausgeleierte Seele trübt die Lebensfreude. Darum will ich meiner Seele immer wieder den Freiraum schenken, den sie braucht.
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