SWR Kultur Wort zum Tag
„Wie böse bin ich eigentlich?“ Auf diese Frage habe ich nun endlich eine Antwort. Denn es gibt einen wissenschaftlichen Online-Test. Den sogenannten Dark Factor-Test. Mittlerweile haben über drei Millionen Menschen weltweit ihre dunklen Seiten dort vermessen lassen.
Mein Ergebnis: 2,25. Knapp unter dem Durchschnitt. Ich bin also ein eher harmloser Typ. Für einen Banküberfall sollten Sie mich nicht engagieren.
Der Forscher Ingo Zettler, der diesen Test begleitet, stellt klar: Das Böse ist nur zu etwa 25 Prozent genetisch angelegt. Den viel größeren Teil bestimmen die Umstände, in denen wir leben. Und — was ich besonders spannend finde — unser Alter.
Denken Sie an Ihre jungen Jahre unter 25. Da muss sich jede und jeder erst einmal einen Platz in der Welt erkämpfen. In dieser Zeit geben rund 60 Prozent eher böse Antworten. Sie stimmen zu, wenn es heißt: Rache muss schnell und fies sein. Oder: Mein eigenes Vergnügen ist das Einzige, was zählt.
Denn bei den Fragen des Tests geht es darum, ob ich meine Interessen durchsetze — selbst dann, wenn andere dabei Schaden nehmen. Ehrlich gesagt wären meine Antworten in jungem Alter auch anders ausgefallen. Vielleicht spielen ja auch die Hormone eine Rolle. Doch mit dem Alter scheint Milde einzukehren.
Ingo Zettler sagt: „Mit 60 schwächen sich unsere dunklen Seiten deutlich ab. Wir werden gelassener, vielleicht auch weiser.“ Viele erkennen wohl, dass das eigene Glück nicht gegen andere erkämpft werden muss.
Das Böse hat seine ganz eigene Faszination. Schon in der Bibel werden böse Menschen beschrieben. Menschen, die sagen: „Ich darf alles.“ Menschen, die sich mit mir anlegen, werden es bereuen.
Zum Beispiel König Herodes, von dem es heißt, dass er die Kinder von Bethlehem ermorden ließ. Um seine Macht zu sichern, war ihm jedes Mittel recht. Sogar seine eigenen Söhne hat er kurz vor seinem Tod getötet. Noch auf dem Sterbebett hat er um seinen Thron gekämpft.
Bei Herodes entdecke ich keine Altersmilde. Grundsätzlich sind wir aber wandelbar. Mein Schulfreund Björn zum Beispiel hat als Jugendlicher viele krumme Dinge gedreht. Doch nun ist er hilfsbereit und ein Familienvater aus dem Bilderbuch.
Wenn Sie neugierig geworden sind: Den Test finden Sie unter darkfactor.org. Vielleicht wollen Sie ja auch einmal ehrlich in den Spiegel zu schauen. Dieser Test verurteilt nicht und gibt auch keine Tipps. Aber es kann helfen, wenn ich den Mut habe, mich den Fragen zu stellen — denn wer seine dunklen Seiten kennt, kann sich noch besser für die helle Seite entscheiden.
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