Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Eine Frau fährt nachts über eine rote Ampel. Wie sich später herausstellt, ist dabei auch Alkohol im Spiel. Ein Unfall ereignet sich zum Glück nicht; niemand kommt zu Schaden. Sie wird aber kurz darauf von einer Streife angehalten. Der Rotlichtverstoß unter Alkoholeinfluss bringt ihr ein Bußgeld, Punkte in Flensburg und ein zeitlich begrenztes Fahrverbot ein. Und in diesem speziellen Fall das Ende einer Karriere als Bischöfin der evangelischen Kirche in Deutschland.
So war das im Jahr 2010. Die auf frischer Tat ertappte Margot Käßmann hat alle Verstöße zugegeben, die strafen akzeptiert, sich entschuldigt und Reue gezeigt und ist doch drei Tage später von allen ihren Ämtern zurückgetreten. Jetzt steht gerade wieder ein Mann der Öffentlichkeit, diesmal ein Politiker, wegen eines Verkehrsdelikts in der Kritik. Er ist beliebt und wird über Parteigrenzen hinaus geschätzt. Trotzdem ist er nun wegen „Nötigung in Tateinheit mit Beleidigung“ angeklagt worden. Mit seinem Auto soll er sich auf die Überholspur gedrängt, ein anderes Auto ausgebremst und der Fahrerin eine obszöne Geste gezeigt haben. Soll er nun auch zurücktreten? Ist er als Vorbild nicht mehr geeignet? Hat er seine Glaubwürdigkeit eingebüßt?
Solche Fragen sind vor sechzehn Jahren im Fall Käßmann erörtert worden, und nun werden sie wieder gestellt. Ganz ehrlich: Mich ärgert das. Denn von einem vorbildlichen Menschen erwarte ich überhaupt nicht, dass er oder sie keine Fehler macht. Zu behaupten, dass irgendjemand sich immer nur korrekt verhält, finde ich nämlich äußerst unglaubwürdig. Jeder Mensch macht Fehler. Von einem vorbildlichen Menschen könnte ich aber lernen, wie ich mit Fehlern umgehen kann. Dass ich sie zum Beispiel nicht vertusche, nicht abstreite, sondern zugebe. Ich könnte lernen, wie ich mich bei anderen entschuldige. Das ist nämlich oft gar nicht so einfach, aber befreiend, wenn es gelingt. Ich könnte sogar lernen, dass ich nicht untergehe, wenn ich mal den Kürzeren ziehe und auf mein gutes Recht verzichte. Und dass ein offener Umgang mit dem, was ich falsch mache, mir und anderen zum Leben hilft. Deshalb fordere ich keine Rücktritte, sondern starke Auftritte von Menschen, die zu ihren Fehlern stehen und mir zeigen, wie das Leben trotzdem weitergehen kann. Fehlerfreundlich. Oder in biblischer Sprache: Barmherzig und gnädig. Geduldig und von großer Güte.
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