Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Jonathan Tah ist mein Held des Monats. Schließlich hat er auch das Tor des Monats geschossen. Im Sechzehntelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft beim Spiel der Deutschen gegen Paraguay. Beim Elfmeterschießen stand es nach sechs Schüssen von jeder Mannschaft drei zu drei. Unentschieden. Ab jetzt gilt die Regel des sudden death: Schütze gegen Schütze; wer nicht trifft, ist raus.
Die Besten waren schon dran; es gibt keine Freiwilligen. Alle schauen betreten auf den Boden und hoffen, dass der Kelch an ihnen vorübergeht. Dann schnappt sich Jonathan Tah den Ball. Später wird man erfahren, dass er noch nie zuvor in einem Spiel einen Elfmeter geschossen hat. Was treibt ihn an in diesem Augenblick? Vielleicht denkt er an das Tor, das er in der Verlängerung geschossen hat. Es hat leider nicht gezählt; wurde wegen eines Fouls wieder aberkannt. Vielleicht denkt er; das mach ich jetzt wieder wett; ich hab ja noch eins gut. Vielleicht denkt er auch nichts dergleichen. Legt sich den Ball zurecht, läuft an und schießt; der Ball fliegt weit übers Tor in den Himmel über Foxborough. Kurz darauf verwandelt Julio Enciso für Paraguay; Deutschland ist raus.
Und nein, ich habe mich über diese Niederlage nicht gefreut; gerne hätte ich ein Achtelfinale und ein Viertelfinale mit deutscher Beteiligung gesehen, mehr habe auch ich freilich im Vorfeld nicht zu hoffen gewagt. Warum Jonathan Tah dann mein Held ist? Weil er in einem schwierigen, aber entscheidenden Moment die Verantwortung übernommen hat: Ich mach das jetzt. Ich gehe das Risiko ein. Und ich bin bereit, mit den Folgen zu leben, ob nun lauter Jubel oder lauter Vorwürfe dabei herauskommen.
Das finde ich stark. Der biblische Petrus hat einmal geschrieben: „Seid jederzeit bereit, Rechenschaft abzulegen über die Hoffnung, von der ihr erfüllt seid. Denn immer wieder wird man euch auffordern, dafür Rede und Antwort zu stehen.“ Daran muss ich denken, als ich Jonathan Tah später im Interview sehe. Wieder steht er da, steht Rede und Antwort, kneift nicht, regt sich nicht auf, redet sich nicht raus. „Es tut extrem weh“, sagt er, und ja, auch das nehme ich ihm ab. Es tut weh zu verlieren. Und es ist schmerzhaft, seinen eigenen Anteil daran zu tragen. Das Schönste sagt Jonathan Tah zum Schluss: „Ich würde es wieder tun. Ich würde wieder antreten!“ Mach das, Jonathan Tah. Dein Name – Jonathan – bedeutet Gottesgeschenk.
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