Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Meine Freundin Anne sitzt neben mir im Gottesdienst. Sogar in der Kirche ist es drückend heiß. Inzwischen sind wir aber auf die Hitze vorbereitet und ziehen beide fast gleichzeitig einen Fächer aus unseren Handtaschen heraus. Wir prusten los: Zwei Freundinnen, ein Gedanke… Wir lachen so oft miteinander. Was für ein Geschenk!
Aber was ist das? In Annes Augenwinkeln sehe ich es glitzern. Das sind doch Tränen und keine Schweißperlen? Verstohlen blicke ich mehrfach zu ihr hinüber. Kein Zweifel: Jetzt laufen ihr Tränen über die Wangen. Und beim anschließenden Kirchenkaffee erzählt sie mir, was los ist: Am Abend davor war sie mit dem Fahrrad von einer sommerlichen Veranstaltung nach Hause gefahren; ganz beglückt, weil das Theaterstück unter freiem Himmel so schön gewesen ist. An einer Ampel musste sie anhalten, ist dann bei Grün rechts abgebogen – und wäre um Haaresbreite von einem Auto über den Haufen gefahren worden.
Vollbremsung, quietschende Reifen, Schockstarre; der Fahrer steigt aus und entschuldigt sich tausendmal; beide sind grün im Gesicht. Und in Annes Kopf hämmert es: „Mein Gott, ich hätte tot sein können! Einfach so; von jetzt auf gleich. Da hast du alles richtig gemacht, jede Verkehrsregel beachtet, einen Helm auf, Reflektoren am Fahrrad und trotzdem!“
Sie denkt an ihre Kinder, an ihre Tochter, die übermorgen Geburtstag hat. Nachts findet Anne dann kaum Schlaf. Trotzdem kommt sie am nächsten Morgen zum Gottesdienst; wir hatten uns da verabredet. Und langsam fängt der Schock vom Abend zuvor an, sich zu lösen. Aus Annes Lachen werden Tränen. Die Lieder, die wir schon so oft gemeinsam gesungen haben, hören sich plötzlich ganz anders an: „Du hast uns deine Welt geschenkt, du gabst uns das Leben, du hast uns deine Welt geschenkt, Gott wir danken dir!“ Was für ein kostbares Geschenk doch das Leben ist! Und wie zerbrechlich in jedem einzelnen Augenblick. Ich kann es ihr so gut nachfühlen, und als sie mir alles erzählt hat, nehme ich sie fest in den Arm.
Eine große Dankbarkeit für mein Leben durchströmt mich, und auf dem Heimweg summe ich das Lied aus dem Gottesdienst vor mich hin: „Guter Gott, ich bitte dich: Schütze und bewahre mich. Lass mich unter deinem Segen leben und ihn weitergeben. Bleibe bei uns allezeit, segne uns, segne uns, denn der Weg ist weit.“
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