SWR Kultur Lied zum Sonntag

26JUL2026
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Ein Sonntagnachmittag im Jahr 1958. Ein junger Mann macht eine Fahrradtour durch Holland, an Feldern und Obstwiesen vorbei – und wird dabei zu einem Lied inspiriert.

Solang es Menschen gibt auf Erden,

solang die Erde Früchte trägt,

solang bist du uns allen Vater;

wir danken dir für das, was lebt.

Der junge Mann ist Jesuit und auf dem Weg, Priester werden. Zu dieser Zeit kurz vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil bedeutete das noch, die Messe in einer feierlichen Liturgie auf Latein zu zelebrieren. Doch Huub Osterhuis, so heißt der junge Mann, sucht nach Worten, die die Menschen unmittelbar ansprechen – und die zugleich in der Bibel verwurzelt sind. „Solange die Erde besteht“, heißt es dort, „werden Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht nicht aufhören“. Dieses Versprechen gibt Gott Noah nach der verheerenden Sintflut. Das Lied von Osterhuis lädt dazu ein diesem Gott des Lebens zu vertrauen. Das ist die elementare Botschaft der Bibel: Gott ist wie ein Vater für uns Menschen da. Mit seinem Wort möchte er mit den Menschen in Kontakt kommen, um seine Liebe und seinen Frieden mit ihnen zu teilen.

Solang die Menschen Worte sprechen,

solang dein Wort zum Frieden ruft.

Solang hast du uns nicht verlassen.

In Jesu Namen danken wir.

Das Lied ist schwungvoll, ein echtes Sommerlied. Diese Vertonung von Tera de Marez Oyen hat sicherlich zu der raschen Verbreitung dieses Liedes beigetragen wie auch die Übertragung ins Deutsche, die Dieter Trautwein, ein Freund von Osterhuis, gemacht hat.

Das Anliegen von Osterhuis, Menschen unmittelbar anzusprechen und zu erreichen, wurde durch das Zweite Vatikanische Konzil aufgegriffen. Die Messe wurde nun in der deutschen Sprache gefeiert, der Altar zu den Gläubigen hin ausgerichtet. Osterhuis hat mit seinen Liedern und anderen Texten zu einer verständlichen, ansprechenden und zugleich poetischen Sprache für den Glauben beigetragen. In seinen Liedern, die heute in evangelischen wie katholischen Gottesdiensten gerne gesungen werden, können sich viele wiederfinden. Osterhuis war es wichtig, dass die Menschen in der Liturgie Gott näherkommen und sie im Sakrament der Eucharistie die Verbundenheit mit Jesus und untereinander spüren können.

Du bist das Licht, schenkst uns das Leben,

du holst die Welt aus ihrem Tod,

gibst deinen Sohn in unsre Hände,

er ist das Brot, das uns vereint. (gesprochen + instrumental)

Osterhuis hat mit seiner Studentengemeinde in Amsterdam die Liturgie in sehr freier Weise gefeiert über die Grenzen der Konfessionen hinweg im gleichberechtigten Miteinander von Priester und Laien. Er träumte nicht nur von einer anderen, erneuerten Kirche. Er setze sie um. Doch das führte zum Konflikt mit seiner Kirche, die darin eine Preisgabe der Tradition sah. Als er den Zölibat in Frage stellte, kam es dann zum Bruch. Er wurde von seinem Orden ausgeschlossen und 1970 trat er schließlich aus der römisch-katholischen Kirche aus. Doch er blieb seiner Gemeinde verbunden, die sich als unabhängige, ökumenische Personalgemeinde gründete – die Ekklesia Amsterdam, die bis heute existiert. 

Liturgie hat die Aufgabe, einen Raum zu schaffen, in dem wir Gottes Nähe erfahren können. Die Auseinandersetzungen darüber, welche Formen dem dienen, dauern bis heute an. Für mich gehören die Lieder, die im Gottesdienst gesungen werden, ganz wesentlich dazu. Gerade auch die Lieder von Osterhuis, die mir oft aus der Seele sprechen. 

Osterhuis ist 2023 gestorben. So höre ich dieses Lied auch als Vermächtnis eines großen Theologen und Dichters, der zeitlebens darum gerungen hat, in unserer Sprache Gott einen Ort zu geben.

Darum muss jeder zu dir rufen,

den deine Liebe leben lässt.

Du Vater bist in unsrer Mitte,

machst deinem Wesen uns verwandt.

 

Text: Huub Osterhuis / Dieter Trautwein ; Melodie: Tera de Marez Oyen

Aufnahme: Coro piccolo für den SWR, Markus Christian Raiser / Michael Alber - instrumental

  

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44779
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