SWR Kultur Lied zum Sonntag
Noch bevor ich sie sehe, höre ich sie: die Bläserinnen und Bläser des Posaunenchores. Dann sehe ich auch das glänzende Messing ihrer Instrumente durch das Grün der Blätter schimmern. Eine bunte Gottesdienstgemeinde aus Jungen und Alten hat sich unter dem schützenden Blätterdach mächtiger Buchen versammelt und feiert einen Gottesdienst im Grünen.
Mir gefällt es, draußen in der Natur unter freiem Himmel Gottesdienst zu feiern. Statt fester Kirchenbänke: bewegliche, wetterfeste Sitzplätze. Statt eines stabilen Daches über den Köpfen: ein Blätterdach aus belaubten Baumkronen. Ganz vorne: ein improvisierter Altar mit einem Holzkreuz und zwei Kerzen. Dazu der morgendliche Gesang der Vögel. Die sanfte Bewegung der Blätter. Die Kühle eines Sommermorgens...
Der Theologe und Autor Jörg Zink hat diese besondere Morgenstimmung in Worte gefasst. Die Melodie hatte er in einem alten Tanzlied aus Italien gefunden und sich vom Schwung der Melodie inspirieren lassen zu einer eigenen Textfassung. So ist aus dem poetischen Zusammenspiel der Worte und dem Dreivierteltakt der Melodie ein beschwingtes Morgenlied geworden.
Dich rühmt der Morgen. Leise, verborgen
singt die Schöpfung Dir, Gott, ihr Lied.
Es will erklingen in allen Dingen
und in allem, was heut geschieht.
Du füllst mit Freude der Erden Weite,
gehst zum Geleite an unsrer Seite,
bist wie der Tau um uns, wie Luft und Wind.
Sonnen erfüllen Dir Deinen Willen,
sie geh´n und preisen mit ihren Kreisen
der Weisheit Überfluss, aus dem sie sind.
Darf man in Zeiten des überall spürbaren Klimawandels so poetisch von der Schöpfung sprechen? Ich glaube, man muss es! Um immer wieder daran zu erinnern, dass Menschen den Auftrag haben, die Schöpfung zu schonen, nicht zu plündern. Nicht an den kurzfristigen Vorteil zu denken, sondern an die Generationen, die nach uns kommen. Das kalte Kalkül, mit dem die Natur lediglich als Ressource für wirtschaftlichen Gewinn gesehen wird, führt in der Konsequenz zu dem überhitzen Planeten, wie wir ihn dieser Tag erleben.
Gottes gutes Wort aber, von dem in der nächsten Strophe des Liedes die Rede ist, sein Segen, der Mensch und Tier versprochen ist, bewährt sich gerade dort, wo Menschen mit Respekt und Dankbarkeit mit dem umgehen, was ihnen gegeben und anvertraut ist.
Du hast das Leben allen gegeben,
gib uns heute Dein gutes Wort.
So geht Dein Segen auf unsern Wegen,
bis die Sonne sinkt, mit uns for.t
Du bist der Anfang, dem wir vertrauen,
Du bist das Ende, auf das wir schauen,
was immer kommen mag, Du bist uns nah.
Wir aber gehen, von Dir gesehen,
in Dir geborgen, durch Nacht und Morgen
und singen ewig Dir: Halleluja
Unter einem Baum habe ich mir ein schattiges Plätzchen gesucht. Und habe mich mitnehmen lassen vom Schwung dieses Morgenliedes: „Leise, verborgen singt die Schöpfung Dir, Gott, ihr Lied. Es will erklingen in allen Dingen und in allem, was heut geschieht.“
Das wünsche ich Ihnen an diesem Sonntagmorgen, dass das Lied der Schöpfung Sie zuversichtlich hineintanzen lässt in die neue Woche.
CD: genesis brass, Choralfantasien, Track 14, In dir ist Freude, Gerth Medien 2009, LC13743
„Dich rühmt der Morgen“, Aufnahme beim Chorfest in Ettlingen, Achim Plagge
