SWR Kultur Wort zum Tag
Das Kloster Sankt Hildegard liegt wunderschön über dem Rheintal bei Rüdesheim. Es eignet sich hervorragend als Ziel für eine kleine Wanderung durch die Weinberge. Über 30 Nonnen leben noch im Kloster; man kann dort aber auch als Gast übernachten. Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, einer Gruppe von Hochschulgeistlichen aus aller Welt dieses Kleinod zu zeigen. Kurz vor Mittag sind wir oben angekommen. An der Klosterkirche steht zurzeit ein Gerüst und hüllt die linke Seite des Kirchenschiffs ein. Keine Ahnung, was genau gemacht wird; es war auf jeden Fall ziemlich laut. Gerne haben wir uns aus dem Krach in die Kirche geflüchtet. Dort begann dann auch schon das Mittagsgebet.
Die Nonnen kamen pünktlich um 12 Uhr in den Seitenaltar der Kirche und haben sofort angefangen zu singen und zu beten. Ich hätte gedacht, dass die Arbeiter nun mit dem lautstarken Klopfen aufhören, aber weit gefehlt! Während der gesamten viertel Stunde Beten und Singen geht das Hämmern und Klopfen weiter. Die Nonnen scheint es nicht zu stören. Sie lassen sich von ihrem Gesang nicht abbringen. Nur wir blicken immer wieder irritiert zum Gerüst auf und versuchen die Arbeiter wild gestikulierend dazu zu bewegen, mit dem lauten Hämmern aufzuhören. Vergeblich.
Viele von uns schütteln danach verständnislos mit dem Kopf. „Hätten die Arbeiter nicht für das Gebet die Arbeit unterbrechen können?“, fragt eine Besucherin.
„Eine Viertelstunde. Das ist doch wohl nicht zu viel verlangt.“
Ein anderer meint: „Naja, die müssen halt mit ihrer Arbeit fertig werden. Es geht ja nicht nur um ein Mittagsgebet, die Gebete gibt´s ja täglich morgens, mittags und abends. Da geht schon viel Zeit verloren.“
Gerne hätte ich die Nonnen gefragt, wie sie es schaffen, sich so gar nicht stören zu lassen, aber sie sind gleich nach dem Gebet wieder in ihrem Klosterbereich verschwunden. Ob sie zu irgendeinem Zeitpunkt das Gespräch mit dem Bauleiter gesucht haben? Oder können sie einfach alles ausblenden, was nicht dem Beten und Singen dient? So oder so, ihre Haltung beeindruckt mich. Ganz neu höre ich da die alte Klosterformel: „Ora et labora“. Bete und arbeite! Gebet und Arbeit gehören im Kloster zusammen. Und beides gehört mitten in den Lärm des Lebens.
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