SWR4 Abendgedanken
„Ich bin ja nicht nachtragend, ich vergesse bloß nichts!“ Diesen Satz habe ich schon oft gehört. Meist mit einem verlegenen Lächeln. Tja, eigentlich ganz lustig formuliert, aber doch irgendwie auch sehr ernst.
Ich merke oft, dass ich kein nachtragender Mensch bin, sondern bei Fehlern und Verletzungen von anderen wirklich vergeben und vergessen kann.
Aber ich habe auch gemerkt, dass ich mir selbst meine Fehler oft nachtrage. Dass ich mir selbst nicht verzeihen kann. Neulich zum Beispiel: Da bin ich am Telefon laut geworden. Ich war überfordert, gestresst. Die Situation hatte mich überrannt. Ich war darauf nicht vorbereitet. Und dann haben mein Bekannter und ich auch noch aneinander vorbeigeredet, haben uns gegenseitig nicht ausreden lassen. Da bin ich laut geworden und unsachlich. Ich habe es relativ schnell gemerkt, meinen Ton gewechselt und mich entschuldigt. „Alles gut“, hat mein Bekannter gesagt. „Wir haben es geklärt. Es ist vorbei. Entschuldigung angenommen.“
Das hat mich zwar beruhigt, aber ich konnte mir trotzdem selbst nicht verzeihen, habe mir das immer wieder vorgeworfen: „Warum bist du nur laut geworden? Warum ist dein Ton so verletzend geworden und deine Worte so unsachlich?“
Da könnte ich noch viel von Gott lernen. Denn Gott ist nicht nachtragend. In der Bibel beschreibt einer begeistert, wie nachsichtig Gott mit uns Menschen ist. Er sagt über Gott:
„Gibt es einen Gott, der so handelt wie du, der Schuld vergibt und Fehler nicht anrechnet? … Er wird wieder Erbarmen mit uns haben: Er wird unsere Schuld zertreten und alle unsere Vergehen tief im Meer versenken.“ (Micha 7,18-19)
Was für ein Bild! Gott stellt unsere Fehler nicht öffentlich aus, er trägt sie auch nicht nach, sondern er wirft sie ins tiefste Meer. Also dorthin, wo niemand sie mehr rausholen kann. Meine Fehler, alle Schuld, die ich auf mich geladen habe sind damit weg.
So ist Gott mit uns Menschen. Und wenn Gott uns Schuld vergeben kann, wenn ich anderen ihre Schuld vergeben kann, dann muss ich doch auch mir selbst verzeihen können. Das ist nicht einfach, aber ich kann es lernen. Wenn also das nächste Mal jemand zu mir sagt: „Sabine, alles gut. Entschuldigung angenommen! Vergeben und vergessen!“, dann will ich das wirklich ernst nehmen und mir selbst auch nichts mehr nachtragen. Denn ich muss nicht das wieder rausholen, was schon längst ins tiefste Meer geworfen wurde.
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