Begegnungen

05JUL2026
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Daniel Beerstecher copyright: Manuela Pfann

Ich bin Manuela Pfann von der katholischen Kirche und treffe den Künstler Daniel Beerstecher. Fürs Radio ist unsere Begegnung eine besondere Herausforderung. Denn: Sie werden Daniel im ersten Teil der Sendung nicht hören. Als wir uns im Schwarzwald treffen, ist er seit fast einem Jahr zu Fuß durch Deutschland unterwegs. Und dabei schweigt er. Ganz bewusst.
Er kommt mir mit einem großen Rucksack entgegen, und ich bin sehr gespannt, wie das wird, ein Tag mit einem Schweigenden.

„Hey Daniel, schön, Dich zu sehen, grüß Dich.“

Auf Daniels Rucksack ist ein großes Schild genäht, auf dem steht: „Ich höre zu. Ein Jahr im Schweigen.“ Das ist der Titel von Daniels Kunstprojekt – und gleichzeitig genau das, was er macht: Er hört Leuten zu, die ihn begleiten, so wie ich jetzt, oder denen, die vorbeikommen, wenn er irgendwo auf einem Platz sitzt. Er will erforschen, was passiert, wenn er Menschen aufmerksam zuhört; und selber dabei schweigt.

Wir machen uns jetzt erst mal auf den Weg.
Über den Schauinsland durch den wunderbar kühlen und stillen Schwarzwald.
Wenn es organisatorisch notwendig ist, spreche ich für uns beide:

„Wir hätten gerne eine Holunderschorle, eine Johannisbeerschorle, beide groß. Und zweimal das vegetarische Curry.“

Und wenn sich deshalb am Nachbartisch der kleiner Junge wundert und fragt:
„Warum spricht der nicht?“,
dann erkläre ich, was ich glaube von Daniels Projekt verstanden zu haben:  

Das ist Daniel und der kann sprechen, aber er will nicht.  …

Mir gibt Daniel auf unserem Weg immer mal wieder seinen Wanderstock. Der wird dann zu einem Redestab für mich. Ich merke, dass ich viel erzähle, mein Kopf scheint voll.  Daniel gibt mir Feedback auf einer Schreibtafel, das lese ich vor:  

„Sehnst Du Dich manchmal nach Stille im Kopf? Einfach mal eine Pause von all den Gedanken und Plänen im Kopf?“

Ja, das wär manchmal schön. Aber da sind halt immer offene Fragen in meinem Kopf.

Daniel notiert noch einen Satz, über den ich auf dem Weg nachdenke.

„Vielleicht musst Du erst die Stille finden, um die Antworten zu erhalten.“

Wir lassen den kühlen Wald hinter uns und kommen runter in die Stadt, nach Freiburg.
30 Grad! Hitze und Lärm erschlagen mich fast.

Trotzdem laufen wir die letzten Meter ziemlich flott, keine Trinkpause mehr, kein Eis auf dem Weg. Unser Ziel: Das Freiburger Münster. Wie herrlich kühl und still!
Daniel holt ein bisschen Kleingeld aus der Tasche, lässt es in den Opferstock für die Kerzen fallen und zündet eine an.

Wir bedanken uns beieinander für die Begleitung. Ich mit Worten, er zeigt es mir: Legt seine Hand aufs Herz, und macht eine kleine Verneigung. Was für eine schöne Geste!

In ein paar Wochen werde ich Daniel in Stuttgart wiedersehen. Von dort ist er vor einem Jahr schweigend losgelaufen und da wird er dann seine ersten Worte sprechen.

 

Es ist mucksmäuschenstill im Stuttgarter Hospitalhof. Gut 100 Leute sind gekommen, Mich interessiert nicht nur, welches seine ersten Worte nach einem Jahr sein werden, sondern auch, wie seine Stimme klingt. Er geht zum Mikrofon, holt einen Zettel aus der Hosentasche und liest vor.

Danke. Danke. Danke, dass ich hier heute stehen darf. Danke, dass ich ein Jahr lang schweigend durch Deutschland laufen durfte. Danke, dass ich diese wunderbare Erfahrung machen durfte. Mein erster und größter Dank gilt meiner Frau, Flavia. Danke, dass Du mich hast ziehen lassen.

Dieser Moment berührt mich sehr. Und ich glaube, da bin ich nicht allein. Daniel bedankt sich dann auch bei denen, die sich auf ihn eingelassen haben.

Einige haben mir später erzählt, dass sie in der Nacht vorher nicht schlafen konnten. Wie wird es sein, mit jemandem unterwegs zu sein, der nicht spricht, was erzähl ich ihm? Was passiert mit meinen Worten, wenn keine Antwort kommt? Und trotzdem haben sie den Mut aufgebracht, mir zu begegnen und mich an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Danke für dieses unglaubliche Vertrauen. Danke.

Mir sind zwei Dinge nach dem Tag mit Daniel vor ein paar Wochen noch sehr präsent: Die vielen Stunden, in denen wir schweigend gelaufen sind, haben mich total entspannt. Ich hatte nie das Gefühl, in seiner Gegenwart etwas sagen zu müssen. Und: Ich hatte den Eindruck, wir kommunizieren trotzdem sehr intensiv. Ich denke, es liegt daran, wie Daniel zugehört hat.
Jetzt kann ich ihn direkt fragen: Was macht denn gutes Zuhören aus?

Dass ich ganz da bin, dass ich mir nicht schon Gedanken mache, während du jetzt die Frage stellst oder irgendwas sagst.

Daniel hat in seinem Schweige-Jahr sehr vielen Menschen zugehört. Die meisten haben aus ihrem eigenen Leben erzählt, Politik war fast nie Thema, sagt er. Aber zwei Dinge sind ihm aufgefallen:

Als ich in Ostdeutschland war, dass die älteren Leute alle über die Wende gesprochen haben, wie einschneidend dieses Erlebnis war. Wenn ich bei Familien war, dass man nicht mehr hinterherkommt, überreizt ist, dass die Partner irgendwann nicht mehr miteinander richtig sprechen.Also das sind vielleicht so übergreifende Themen.

Was bleibt für ihn? Nach einem Jahr, 3.500 Kilometern zu Fuß, nicht sprechen, zelten im Schnee, Frostbeulen an Händen und Füßen, einsamen Stunden, Nudeln auf dem Benzinkocher, Sonnenuntergang am Meer … und, und, und?

Dass Dankbarkeit einen ziemlich weit bringen kann. Wenn man sich bewusst ist, was eigentlich alles positiv ist und wie viel schöne Sachen es gibt, dass man da wahnsinnig viel Kraft daraus schöpfen kann. Das Zweite ist vielleicht, dass Verbindung nicht dadurch entsteht, dass man viel redet und viel sendet, sondern dass man zuhört und dass man wirklich ganz präsent ist und dass das viel, viel tiefer ist und Worte eigentlich viel mehr überschätzt werden und das Zuhören unterschätzt wird.

Blog zum Projekt "Ich höre zu - ein Jahr im Schweigen": https://ich-hoere-zu.com/blog

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44737
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