Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ein Brautpaar spricht mit mir wegen ihrer Trauung. Ich kenne die beiden schon länger und frage sie, was sie aneinander schätzen und lieben.
Sie schauen sich an und dann sagt Jasmin, die Braut: „Ich mag, wie unterschiedlich wir sind.“ Er lächelt und schaut kurz verschämt auf den Boden. „Ich liebe an Steffen, dass er ganz anders ist als ich. Ich bin oft zu rational und auch zu optimistisch. Er bringt mich zurück auf den Boden der Tatsachen. Das hilft mir sehr.“ Sie lächeln einander an. Steffen beginnt zögerlich. Ich merke ihm an: Er will die richtigen Worte finden. „Ich liebe sie, weil sie so optimistisch ist. Sie sieht immer das Gute. Ist so herzlich. Grade, wenn ich eher mal zweifle und skeptisch bin.“
Beide erzählen, wie ihnen ihre Unterschiedlichkeit gut tut. Wie sie sich ergänzen. Ich finde, die beiden sind wirklich total verschieden. Auch beruflich: Er arbeitet als Erzieher und sie macht den Doktor in Physik.
Ich dachte nach diesem Gespräch: Ich wünsche mir, dass wir uns eine Scheibe davon abscheiden. Wir als Gesellschaft.
Ich habe den Eindruck, dass die aktuelle politische und gesellschaftliche Atmosphäre eher die Angst vor Unterschiedlichkeit vergrößert. Zum Beispiel vor Menschen, die eine andere Sprache sprechen und aus einer anderen Kultur kommen. Sobald über das Verbrechen eines Asylsuchenden berichtet wird, steigt das Misstrauen gegenüber den Menschen, die aus Ihrer Heimat geflüchtet sind, um bei uns Schutz zu finden. Oder wenn ich lese, dass manche homosexuelle Paare vermeiden, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten, weil sie Angst vor Gewalt haben.
Mir ist schon bewusst. Das ist alles nicht dasselbe, wie die Unterschiedlichkeiten, von denen dieses Brautpaar gesprochen hat. Und trotzdem: Ich möchte von diesem Paar lernen. Für unsere Gesellschaft und auch für die Kirche, dass Unterschiedlichkeit mir keine Angst zu machen braucht. Ganz im Gegenteil. Dass ich dafür werbe, andere ermutige, es auch so zu sehen.
Auch wenn Unterschiedlichkeit ganz schön anstrengend und herausfordernd sein kann. Ich bin überzeugt: Wir brauchen einander. Nicht dabei, was jeder von uns alleine schon kann oder weiß. Sondern bei dem, was ich allein nicht kann und nicht sehe. Und da gibt‘s grade genug!
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