Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Heute darf ich Jakob taufen. Es ist ein traumhaft schöner Tag. Auch weil es heute nicht mehr selbstverständlich ist, dass Eltern ihr Kind taufen lassen. Wir sind um die dreißig Leute, die mitfeiern, und ich beginne den Gottesdienst draußen vor der Kirche. Ich begrüße alle, spreche das erste Gebet, um gleich unterbrochen zu werden.
Direkt vor mir stehen drei Mädchen. Die Schwester des Täuflings und ihre Freundinnen. Mit großen Augen schauen sie zu mir hoch und nur Zuhören ist scheinbar zu langweilig. Als ich im Gebet sage: „...öffne Jakob die Tür, durch die auch wir durch die Taufe eingetreten sind…“ Komme ich gar nicht weiter, weil die erste schon ganz laut fragt: „Welche Tür?“. Ich halte kurz inne. Zeige auf die Eingangstür der Kirche und sage: „Genau die Tür hier, durch die wir gleich reingehen.“ Alle schmunzeln. Als es am Ende des Gebets heißt: „…durch Christus, unseren Bruder und Herrn…“ fragt die Schwester des Täuflings ganz laut: „Wessen Bruder ist das?“. Die Mutter greift ein und sagt halblaut: „Das ist nächste Woche ne super Frage für Deine Relilehrerin.“
Ich sag es mal so: Es kam im Laufe der Taufe noch die eine oder andere Frage auf. Und ich hab mich an der ein oder anderen Stelle ertappt und ein wenig dumm gefühlt, weil ich die Fragen gar nicht so einfach beantworten konnte.
Und gleichzeitig habe ich etwas Schönes gelernt: Kinder stellen unerwartete, aber auch ganz wunderbare Fragen. Sie haben ein untrügliches Gespür für die Worthülsen, die ich als Pfarrer zu oft und zu selbstverständlich benutze.
In der Bibel wird erzählt, wie Jesus mit vielen Leuten unterwegs war. Einmal war ein Kind dabei und er hat gesagt: „Werdet, wie so ein Kind.“ Ich denke, er hat gemeint: Verlernt nicht Fragen zu stellen und hinterfragt auch das, was ihr so selbstverständlich sagt.
Ich habe gelernt: Bei einer Taufe muss nicht alles klar sein, alles klug erklärt werden, was Glaube bedeutet und was Kirche. Nein, die Taufe ist ein erster Schritt. Ich finde es richtig, wenn da Fragen gestellt werden. Auch, wenn ich dadurch ein bisschen herausgefordert werde. Glauben bedeutet nicht, alles zu wissen, sondern neugierig zu bleiben und Fragen zu stellen. Eben, wie ein Kind.
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