Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

06JUL2026
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Ich feiere jeden Sonntagabend in Tübingen Gottesdienst mit den Studierenden. Eine sehr bunt gemischte Gemeinde kommt da zusammen. Natürlich Studenten, auch internationale. Aber auch ältere Menschen aus der Kirchengemeinde und noch andere. Für manche ist diese Vielfalt allerdings herausfordernd.
Ein Student, eher dem links-grünen Milieu zuzuordnen, hat einmal zu mir gesagt. Er findet es irritierend, dass Menschen aus Studentenverbindungen mit ihrer Farbe, also mit dem Band quer über der Brust, in die Kirche kommen. „Können wir das bitte verbieten, dass die so in unseren Gottesdienst kommen? Die bilden eine eigene Gemeinschaft im Gottesdienst. Das stört mich.“ Ich habe ihm darauf geantwortet: „Ich verstehe Dich. Aber das können wir nicht so einfach verbieten, denn wir haben auch andere, die als Gruppen erkenntlich da sind. Soll ich nun den Klosterschwestern verbieten, dass sie in Ihrer Klostertracht in den Gottesdienst kommen?“
Ich habe verstanden, dass es dem Studenten nicht nur um dieses Band auf der Brust ging, sondern auch und vor allem um eine generelle Antipathie. Deswegen habe ich ihm auch noch gesagt: „Du weißt: So, wie Du mit deinem bunten, flatternden Hemd und deinen Birkenstocks aussiehst, ärgerst Du die von der Verbindung genauso.“
Wir haben dann noch ein ganz Weile darüber gesprochen. Dass wir eben mit allen Menschen Gottesdienst feiern, die da sonntags zu uns kommen. Nicht nur mit denen, die uns passen oder die wir uns raussuchen. Wie wichtig es ist, dass ein Gottesdienst eine öffentliche Feier ist und jeder einfach kommen kann.
Ja, das führt dazu, dass da ein sehr unterschiedlicher Haufen von Menschen sonntags zusammenkommt. Aber auch dazu, dass es diese unterschiedlichen Menschen, zumindest für diese Stunde, zusammen in einem Raum aushalten müssen. Gemeinsam beten, singen, zuhören. Jetzt keine politische Diskussion führen, sondern den christlichen Glauben als gemeinsame Basis wahrnehmen. Und ich glaube, genau das ist eben auch ein unverzichtbarer Schritt in Richtung Demokratie. Den anderen anders sein zu lassen. Wer es eine Stunde in der Woche miteinander aushält, gewöhnt sich hoffentlich auch aneinander. Entwickelt ein Wir-Gefühl. Nickt sich vielleicht nächstes Mal auf der Straße zu oder spricht sogar miteinander. Die Gemeinschaft im Gottesdienst kann ein erster Schritt und genau deshalb demokratiefördernd sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44731
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