Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Bürgermeister Ludwig Krafft und Baumeister Heinrich Parler haben es gewagt: Sie haben vor 649 Jahren den Grundstein für das Ulmer Münster gelegt. Und dabei wurde auch gleich an die Zukunft gedacht: Zwar hatte die Stadt Ulm damals nur 10.000 Einwohner. Aber die neue Kirche sollte Stehplätze für doppelt so viele Menschen bieten – damals stand man ja in der Kirche und saß noch nicht wie heute. Der Bau ging in den darauffolgenden Jahren mühsam voran, einmal drohte alles einzustürzen und musste gestützt und umgebaut werden. Man sparte Ressourcen und verwendete Ziegelsteine. Auf diese Art und Weise bauten die Ulmer volle 166 Jahre weiter. Aber dann war der gotische Baustil der Kirche aus der Mode gekommen und Geld fürs Weiterbauen war schlichtweg auch keines mehr da. Ganz klar, was in so einer Situation geschehen muss: Baustopp. Wirklich tragisch war das nicht: Gott loben kann man schließlich auch in einer Kirche, die noch nicht fertig ist. Hauptsache, man hat ein Dach über dem Kopf.
So blieb das Ulmer Münster drei Jahrhundertelang unvollendet, bis man sich dann doch zum Weiterbauen entschloss. Das dauerte noch einmal 46 Jahre, bis die Kirche so aussah wie heute.
Selbstverständlich muss man auch heute noch jedes Jahr viel Geld in die Hand nehmen, um die Kirche zu unterhalten. Das Münster ist und bleibt eine Dauerbaustelle. Irgendetwas geht immer kaputt und muss repariert werden. Aber die reine Bauzeit von der Grundsteinlegung bis zur fertigen Turmspitze kann sich sehen lassen: über fünfhundert Jahre. Das nenne ich einen langen Atem.
Bürgermeister Krafft und Baumeister Parler war völlig klar, dass sie die Vollendung des Baus nicht erleben würden. Es war ein Projekt für viele Generationen, für das sie den Grundstein gelegt haben. Und es wäre Größenwahn gewesen zu glauben, dass Anfang und Ende in den gleichen Händen liegen. Sooft ich in Ulm, um Ulm und um Ulm herum bin: ich freue mich, dass die Menschen damals für eine Sache mutig genug waren: Sie haben einfach angefangen.
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