Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ein guter Freund von mir hat sich neulich selbst beschrieben. Und hat gemeint, er sei „unbelehrbar zuversichts-süchtig“.
„Zuversichts-süchtig“ – ich musste lachen: Klingt im ersten Moment nach etwas, das er dringend loswerden sollte. Aber genau so kenne ich ihn tatsächlich: fast wie ein Junkie süchtig danach, in allem auch das Gutes zu sehen. Oder wenigstens eine Möglichkeit, eine Chance… Sei es bei privaten Problemen, in der Politik, angesichts der Klimakatastrophe oder des gesellschaftlichen Wandels: mein Freund spricht immer auch von Hoffnung. Und bleibt zuversichtlich, dass sich eine neue Tür auftun wird, eine neue Möglichkeit, von der wir vielleicht einfach noch nichts wissen…
Ich bin da anders – leider. Ich neige dazu, Schwarz zu sehen. Wenn ich Nachrichten sehe, und ich nirgends irgendwelche Anzeichen entdecken kann für eine Besserung der Lage… Dann muss ich aufpassen, dass ich nicht innerlich aufgebe. Innerlich kapituliere ich dann. Und am liebsten würde ich gar nicht mehr hinsehen. Zum Glück habe ich aber auch diesen guten Freund, den zuversichts-süchtigen. Zuversicht kann nämlich abfärben. Und damit hat er mich schon öfter davor bewahrt, in Pessimismus zu versinken.
Mein Freund ist Christ, und seine unverbrüchliche Zuversicht Ausdruck seines Glaubens und seiner ganzen Lebenshaltung: so lebendig, wie ich es selten bei jemandem gesehen habe. Er lässt sich richtig tragen von der Gewissheit, dass bei Gott immer eine neue Tür aufgehen kann, eine neue Möglichkeit, über die wir Menschen nicht bestimmen können. Er ist aber nicht naiv und redet Probleme auch nicht schön. Ganz im Gegenteil: Er hat einen sehr realistischen Blick auf die Dinge und schaut am Leid von Menschen und an Ungerechtigkeiten nicht vorbei. Und ich denke, er schafft das, WEIL er zuversichts-süchtig ist. Weil er sich getragen weiß: schafft er es hinzuschauen - und nicht an seinen Mitmenschen vorbei.
Und deshalb auch nicht an mir vorbei, gerade dann, wenn ich wieder mal alles schwarz sehe und innerlich fast kapituliere. Allein geht mir mein Gottvertrauen manchmal verloren. Aber nicht, mit einem Zuversichts-Süchtigen zusammen. Die färbt nämlich ab auf mich.
Süchtig bin ich zwar noch nicht. Aber ein kleiner Kick ab und an, den spüre ich schon …
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