SWR4 Abendgedanken
Jeder Mensch hat eine Zeitheimat. Ja, richtig gehört „Zeit“ und „Heimat“ in einem Wort.
Diesen Begriff habe ich neu kennengelernt und erstmal überlegt, was dahintersteckt. Man könnte ja spontan meinen, dass damit eine Heimat auf Zeit gemeint ist, also sowas wie eine Ferienunterkunft oder wenn man irgendwo zur Zwischenmiete wohnt. Das ist es aber nicht. Die „Zeitheimat“ meint eine Phase im eigenen Leben, die besonders prägend war. Die Zeit im Leben, die so etwas wie die Heimat der eigenen Persönlichkeit geworden ist.
Für die meisten Leute liegt die Zeitheimat in ihrer Jugend. Die Musik, die damals lief, welche Frisuren und Kleidung gerade in waren oder die eine Sendung, zu der sich wirklich alle vor dem Fernseher getroffen haben. All das und noch vieles mehr, sei es typisches Essen oder beliebte Hobbys, ergeben zusammen die Zeitheimat eines Menschen. Es ist die Lebensphase, in der man erste Schritte alleine geht und seine eigene Persönlichkeit immer mehr entfaltet.
In dieser Zeit entstehen viele Erinnerungen, die sich wohl tiefer festsetzen als andere. Vielleicht weil man in diesen Jahren vieles zum ersten Mal ganz für sich persönlich und eigenständig erlebt. Zum ersten Mal alleine mit Freunden in den Urlaub fahren, sich das erste Mal verlieben oder stolz auf den ersten eigenen Lohn sein. Und bei alldem das Gefühl zu haben, dass die Musik, Filme oder bestimmte Orte „die eigenen“ sind.
Bei mir war das Anfang der 2000er. Seitdem hat sich mein Geschmack verändert und über manche Outfits aus meiner Jugend kann ich nur noch herzlich lachen. Trotzdem habe ich eine besondere Verbindung zu genau dieser Zeit. Deshalb kann ich immer noch die Lieder aus meiner Jugend auswendig oder unterhalte mich
stundenlang mit meinen Freundinnen über Serien von früher, gemeinsame Erlebnisse oder wie revolutionär es damals war von einem Discman zu einem MP3-Player zu wechseln. Eben weil diese Dinge mit einem ganz bestimmten Lebensgefühl und einer Vertrautheit verbunden sind.
Die Zeitheimat ist viel mehr als Nostalgie. Sie ist ein Teil der eigenen Identität. So etwas wie ein Ankerpunkt, und ich kann mir Zeit nehmen und gedanklich immer mal wieder in diese Erlebnisse eintauchen. Einfach weil es dem Herzen guttut.
Die Heimat eines Menschen ist also viel mehr als nur ein Ort. Sie liegt in dem einen besonderen Lagerfeuerlied, im Gefühl mit viel zu weiten Schlaghosen zu gehen oder dem Geruch von Freibadpommes und Chlor. Und egal wie sehr sich die Welt verändert oder wo man zu Hause ist: Zu meiner eigene Zeitheimat kann ich immer wieder zurückkehren. Und so gönne ich meiner Seele ein Stückchen Heimat.“
