SWR4 Abendgedanken
Was es heißt mit dem Guten zu rechnen, daran hat mich eine Café-Mitarbeiterin erinnert. Sie hat mir gezeigt, dass es viel verändern kann, wenn ich mit einem warmherzigen Blick durch die Welt gehe.
Es war in Mannheim in einem Café und ich habe gerade einen Cappuccino bestellt. Meine Karte hatte ich schon gezückt, da sagt die Kellnerin zu mir: „Wir nehmen leider nur Bargeld“. „Mist“ geht es mir direkt durch den Kopf, denn ich habe keins mehr. Kaum noch 50 Cent im Geldbeutel, wie unangenehm. Mein Kopf rattert und ich überlege hektisch wie ich am schnellsten zum nächsten Bankautomaten komme. Ich setzte schon an: „Ohje, das tut mir jetzt leid…“ da meint die Kellnerin freundlich und ganz entspannt zu mir: „Kommen Sie doch einfach morgen nochmal vorbei und zahlen Sie den Kaffee dann.“ Ich bin total verblüfft und freue mich gleichzeitig riesig! Die Kellnerin und ich, wir kennen uns nicht und trotzdem vertraut sie darauf, dass ich wiederkomme und den Kaffee bezahlen werde.
Man könnte jetzt sagen: gut, das sind ja nur ein paar Euro, wenn die nicht zurückkommen, davon geht kein Laden pleite. So eine große Sache ist das nicht. Aber für mich ist es das schon. Denn hinter der kleinen Geste steckt eine ganze Lebenshaltung und die Frage wie ich mit Menschen umgehe. Ob ich eben von vorne herein misstraue, oder erst mal mit dem Guten rechne.
Laufe ich direkt weiter, wenn mich unterwegs jemand anspricht oder höre ich mir erstmal an, was er oder sie zu sagen hat? Wird ein frischgebackener Papa von seinem Chef für voll genommen, wenn er nach Entlastung fragt, weil gerade alles zu viel ist? Und nimmt ein Team die Vorschläge einer jungen Kollegin ernst, auch wenn sie noch gar nicht lange im Betrieb ist?
Ich kann jeden Tag neu entscheiden, ob ich zuerst das Risiko sehen will oder das Gute. Es geht mir um dieses erste Wollen. Das, was ich bewusst erwarte.
Natürlich wäre es naiv, wenn ich allem und jedem grenzenlos vertraue. Ich rede hier auch nicht davon zu allem ja zu sagen ohne auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Aber ich weiß, dass ein liebevoller Blick auf die Welt guttut. Er ist auch etwas typisch Christliches: Weil ich fest davon überzeugt bin, dass Gott in jedem Menschen erstmal sein ganzes Potential sieht, deshalb kann ich das auch.
Den Kaffee habe ich natürlich am nächsten Tag bezahlt. Aber das Wichtigste, was ich aus dem Café mitgenommen habe, war die großherzig entspannte Reaktion der Kellnerin: Kommen Sie doch einfach morgen wieder!“
