SWR4 Abendgedanken
Als eine Freundin von mir schwanger war, hat sie ihrem engsten Freundeskreis Kerzen geschenkt. Und als dann die Wehen losgegangen sind, hat sie kurz Bescheid gesagt… Da haben wir sie alle angezündet. Mein Nachbar hat das für seinen verstorbenen Schulkameraden im Internet gemacht, mit einer digitalen Kerze auf einer Gedenkhomepage. Und meine Kollegin pflegt in ihrer Familie eine andere schöne Kerzentradition: sie lassen immer, wenn jemand Geburtstag hat, die Taufkerze von demjenigen brennen.
Menschen zünden aus ganz unterschiedlichen Gründen Kerzen an. Manche weil sie dankbar sind, andere weil ihnen eine schwierige Aufgabe bevorsteht, oder weil sie an einen lieben Menschen denken, der nicht mehr da ist. Kerzen zeigen immer, dass man sich innerlich mit jemandem verbindet und das soll auch von außen sichtbar werden. Besonders deutlich wird das, wenn nach einem tragischen Ereignis irgendwo ein Meer aus Lichtern brennt.
Die Theologin und Autorin Annette Jantzen greift diesen Gedanken auf. Sie hat eine ganz besondere Bezeichnung für die Kerzen gefunden, die jemand mit einem besonderen Anliegen aufstellt. Sie nennt sie „die Merkposten Gottes“. Damit meint sie einerseits, dass Kerzen von uns Menschen als Erinnerungsstützen für Gott gedacht sind, damit er niemanden vergisst und kein Anliegen verloren geht. Und andererseits, erklärt Annette Jantzen weiter, können solche Kerzen auch als Zeichen von Gott für uns Menschen verstanden werden. Dass wir zumindest „ein bisschen“ sehen können, dass Gott an uns denkt und an das was uns umtreibt. Glück oder Sorgen.
Mir gefällt dieser Gedanke. Wenn Kerzen brennen, dann ist das ein Hinweis für Gott und für mich. Das passt, denn jede bewusst angezündete Kerze erzählt davon, dass jemand an einen anderen Menschen denkt. Wie bei der Kerze, die ich für meine
Freundin angezündet habe mit der Hoffnung dass bei der Geburt alles gut laufen wird.
Kerzen können auch für all das stehen, was man nicht in Worte fassen kann, das aber irgendwo zum Ausdruck kommen will. Natürlich wird nicht alles gleich gut sobald man eine Kerze anzündet. Man kann ja auch zweifeln an so einer Geste. Für mich jedenfalls sind Kerzen kleine Hoffnungsschimmer, ein zaghafter Wunsch nach Halt in einer Welt, die von vielen Unsicherheiten geprägt ist.
Wenn heute irgendwo mitten im Sommer eine Kerze auf der Küchenkommode steht, weil da jemand eine große Sorge hat, dann flackert da ein Merkposten Gottes. Und alle kleinen Lichter zusammen zeigen, dass kein Mensch mit seinen Gedanken und Gefühlen allein bleiben muss. In jeder Kerze, die bewusst aufgestellt ist leuchtet ein Hinweis Gottes, der sagt: „Ich bin da. Das könnt ihr euch ruhig merken.“
