SWR Kultur Wort zum Tag

08JUL2026
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Das Geheimnis des Lebens ist mir ganz nah - bei jedem Atemzug. Ich kann meinen Atem zwar beobachten, doch nie ganz fassen. Wenn ich mit anderen im Chor singe oder meinen Körper trainiere, dann achte ich bewusst auf meinen Atem. Wenn ich aber schlafe, mich auf meine Arbeit konzentriere oder einen Film oder ein Theaterstück anschaue, dann atme ich einfach, ohne darüber nachzudenken.

Hin und wieder lege ich meine Hände auf meinen Bauch und atme ganz bewusst tief ein und aus. Dann staune ich darüber, wie selbstverständlich mein Atem in mir strömt und meinen Leib bewegt. Ich ahne, warum die Bibel sagt: Gott haucht dem Menschen den Atem ein und macht ihn dadurch lebendig. Das könnte auch beängstigend sein, Gott so nah in mir. Doch ich finde, es ist ein schöner Gedanke. Ich mag es, mir vorzustellen, dass es Gottes Atem ist, der mich bewegt und durchströmt. So nah kommt Gott mir, wie mein eigener Atem, und doch habe ich ihn, wie meinen Atem, nicht im Griff. Ich kann nur staunen über seine fremde Kraft.

Manchmal zeigt mir mein Atem lange vor meinem Verstand, dass ich mich nicht wohl fühle, er wird eng und gepresst, meine Stimme zittert. Manchmal stockt mir der Atem vor Schreck über diese Welt, vor Angst. Dann wieder gibt es Momente, in denen mein Atem ganz ruhig fließt, weil ich entspannt bin, an einem guten Ort, von Menschen umgeben, die mir zugewandt sind. Wenn ich auf meinen Atem höre, kann er mir viel zeigen und sagen.

Die Sommerzeit jetzt wird für mich eine Zeit des Aufatmens sein. Morgens laufe ich am Strand, mit langem Atem. Ich brauche solche Atempausen. Für mich, für die Menschen, die ich liebe, für meinen Gott. Damit ich nicht atemlos an mir vorbeilebe.

Ein alter Pater hat mir einmal erzählt, für ihn sei jeder Atemzug wie der Name Gottes. Der Mann meint, dass wir von unserem ersten Atemzug bis zu unserem letzten Gottes Namen beten. Der Name Gottes: Ein Hauch.

Die Abendsonne am Meer erinnert mich daran, dass ich eines Tages mein Leben aushauchen werde. Irgendwann kommt mein letzter Atemzug, vielleicht ein schwacher Seufzer, ein Gebet, hinein in Gottes unfassbare Wirklichkeit.

In meiner Atempause am Meer werde ich darüber nachdenken. Dankbar für die würzige Seeluft, die ich atmen darf, dankbar für das Leben, das Gott mir eingehaucht hat.

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