SWR Kultur Wort zum Tag

07JUL2026
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„Bevor du über einen Menschen urteilst - geh erst mal vier Wochen in seinen Schuhen,“ das hat meine Mutter immer gesagt. Vor kurzem habe ich jetzt die tiefe Weisheit dieses Satzes erfahren.

Wir hatten eine Reise nach Los Angeles zu unserem Patenkind geplant, dann kam eine dringend notwendige Fußoperation meines Mannes dazwischen. Wir hatten überlegt, den Besuch abzusagen, weil mein Mann zwar kurze Strecken gehen konnte, keinesfalls jedoch die weiten Wege im Flughafen. Aber die kundige Frau im Reisebüro hat uns ermutigt und uns einen Assistenz-Service gebucht. Das ist gut organisiert. Allerdings ist die Perspektive aus dem Rollstuhl gewöhnungsbedürftig. Wir warten in einer Gruppe der Mühseligen und Beladenenen darauf, abgeholt zu werden. Schließlich holt uns eine freundliche Dame ab und dann geht es mit dem Rollstuhl durch den Flughafen. Ich wundere mich: Wie wenig die Leute aufeinander achten! Immer wieder kommt es vor, dass jemand fast in den Rollstuhl hineinläuft.

Mein Mann sagt, dass es auch ein merkwürdiges Gefühl ist, aus der Rollstuhlperspektive ständig nach oben sprechen zu müssen, ähnlich wie ein kleines Kind. Plötzlich ist er im wörtlichen Sinn nicht mehr auf Augenhöhe, das fühlt sich nicht gut an. Auch die mitleidigen Blicke der Menschen haben ihn seltsam berührt. „Ein Perspektivenwechsel ab und zu ist aber gar nicht schlecht,“ meint er.

Wir haben viel gelernt auf dieser Reise. Zum Beispiel, achtsam hinzusehen. Menschen im Rollstuhl oder mit einer Behinderung brauchen kein Mitleid, sondern Respekt. Das war mir theoretisch schon vorher klar, aber wenn man es am eigenen Leib oder gemeinsam mit einem Menschen, den man liebhat, fühlt, dann begreift man es ganz neu.

Wieder zurück im Alltag hat sich meine Wahrnehmung in vielen Situationen geändert. Wie viel Platz muss ich beim Parken auf dem Bürgersteig lassen, damit Kinderwagen und Rollstühle noch bequem durchpassen? Ich habe mich auch getraut, einen Mann anzusprechen, der unberechtigt auf einem Behindertenparkplatz geparkt hat. Achte ich auf Kinder und darauf, dass sie nicht übersehen werden? Auf Augenhöhe miteinander sprechen, das geht - auch wenn jemand kleiner ist - oder größer als ich.

„Geh erst mal vier Wochen in den Schuhen eines anderen Menschen.“ Meine Mutter hatte Recht. Übrigens: Beim Warten auf dem Flughafen haben wir viele interessante Gespräche mit den anderen Menschen geführt, die ebenfalls auf einen Rollstuhl-Transport gewartet haben. Und gemeinsam festgestellt: Toll, dass es diesen Service gibt.

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