Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Die Sonne versinkt am Horizont, die Pinien duften, die Zikaden zirpen, mein Glas wiegt schwer in der Hand. Ein leiser Wind an einem Urlaubsabend auf dem Balkon mit Blick aufs Meer. Ich sitze da und denke: Wie kann etwas nur so schön sein?
Und dann passiert etwas Merkwürdiges. Mitten in diese Schönheit schleicht sich eine leise Traurigkeit. Fast Melancholie.
Ich frage mich: Warum kann ich das nicht einfach genießen? Warum macht die Schönheit mich traurig?
Vielleicht, weil ich weiß: Das hier bleibt nicht. Der Urlaub wird enden. Ich nehme Fotos mit und Erinnerungen. Schwache Schatten des Gefühls dieses Augenblicks.
Schönes ist zerbrechlich. Einmalig. Und gerade deshalb so kostbar.
Vielleicht ist diese Traurigkeit sogar die Schwester der Dankbarkeit. Weil ich spüre, wie kostbar ein Augenblick ist, möchte ich ihn festhalten. Und merke gleichzeitig: Das kann ich gar nicht. Was mich berührt, entzieht sich mir schon wieder.
Die Bibel nimmt solche Gefühle ernst. Da betet ein Mensch zu Gott: „Sammle meine Tränen in deinen Krug – ich weiß, du zählst sie.” (Psalm 56,9)
Mich tröstet dieser Gedanke: Gott bewahrt nicht nur meine schweren Stunden. Er bewahrt auch die kostbaren. Die Tränen der Trauer – und die Tränen, die mir kommen, weil ein Moment fast zu schön ist für diese Welt.
Selbst das Flüchtigste ist bei Gott aufgehoben. Nichts von dem, was diesen Moment schön macht, fällt einfach ins Nichts. Bei Gott bleibt es.
Ich nehme mein Glas, schaue in die südliche Nacht – und versuche, diesen Moment anders anzusehen. Nicht mit der Angst, ihn zu verlieren. Sondern mit Dankbarkeit, dass er da ist.
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