Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
„Geh aus, mein Herz, und suche Freud!“ So beginnt ein altes Sommerlied, das Pauls Oma ihm immer vorgesungen hat. Aber Paul mag den Sommer eigentlich nicht besonders. Ihm sind die Jahreszeiten lieber, in denen er seinen dunklen Kapuzenpullover tragen kann. Er setzt dann seine Kopfhörer auf, zieht die Kapuze über den Kopf und bleibt für sich. Er braucht dann nur sein Handy. Keine Menschen, die sind ihm oft zu viel.
Es geht ihm gut unter seiner Kapuze. Dort kommt die Welt ihm nicht so nah. Jetzt, im Sommer, da ist es zu warm für den Kapuzenpulli. Und Paul wird dauernd gefragt, ob er nicht was unternehmen will:
„Kommst Du mit an den Badesee, zur Grillhütte, zur Fahrradtour?“
Seine Freunde haben Paul überredet, ein bisschen Wandern zu gehen. Im Wald. Am Anfang ist das ungewohnt. Das Handy und die Kopfhörer steckenzulassen. Stattdessen auf die Wegmarken zu achten. Zu diskutieren, welcher Weg der richtige ist. Zum Glück muss er ansonsten nicht so viel reden.
Beim Wandern sieht Paul, was er lange nicht mehr gesehen hat; Tanzende Mückenschwärme. Baumrinde und Moos. Käfer und Ameisen.
Paul riecht, was er lange nicht mehr gerochen hat: Den Waldboden. Und das Gemisch aus Brezeln, Äpfeln und Landjägern, als er die Picknicktasche öffnet.
Und Paul spürt, was er lange nicht mehr gespürt hat: Die Baumwurzeln unter den Schuhsohlen. Die Geborgenheit unter den hohen Wipfeln und den Himmel darüber.
Es ist okay, denkt Paul. Es ist okay, sich eine Zeit lang zurückzuziehen, wenn einem die Welt zu viel ist. Und es ist auch okay, dann wieder ein bisschen herauszukommen. Sich ein wenig mehr zu öffnen für diese Welt. So schlimm sie ist, so schön ist sie auch. Jetzt im Sommer.
Und in seinem Kopf klingt leise die Melodie von dem alten Lied, das seine Oma so mochte: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud!“
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