Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

03JUL2026
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Für mich schmeckt Dippekuche mit Apfelkompott nach Leben. Dippekuche heißt es bei uns zuhause, hochdeutsch würde man Topfkuchen dazu sagen. Die Zutaten sind geriebene Kartoffeln und Zwiebel, Ei, Dörrfleisch, Salz, Pfeffer. Alles zu einem Teig verrühren; Teig in einen Bräter füllen und ganz lange im Backofen backen. Die Kruste sollte ganz dunkel sein und beim Reinbeißen krachen. Dazu gibt es Apfelkompott.

Dass dieses Essen für mich nach Leben schmeckt, das liegt daran, dass es das letzte Mittagessen war, das ich gemeinsam mit meiner schwer kranken Oma gegessen habe. Eine Woche später ist sie gestorben.

Rheinischer Sauerbraten und Kohlrabi schmecken für mich auch nach Leben. Eine sterbenskranke Freundin hat sich Sauerbraten und Kohlrabi gewünscht. Wir haben es ihr gekocht, und dann haben wir es zusammen am Mittagstisch im Hospiz gegessen. Ein paar Tage später ist sie gestorben.

In der Bibel, in Psalm 23, sagt ein Mensch zu Gott: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“ (Psalm 23,5) Lange habe ich mit diesem Satz nichts anfangen können. Jetzt denke ich, der Feind, das ist der Tod. Zu wissen, dass ein Mensch bald sterben wird, ist fürchterlich. Es ist wie Leben im Angesicht des Feindes. Aber in dieser Situation wird der Tisch gedeckt. Lieblingsessen. Gemeinsames Essen. Apfelkompott auf der Zunge schmecken. In mir bleiben diese Erinnerungen. Gemeinsam essen, gemeinsam leben, trotzdem. Dem Tod trotzen mit einem gedeckten Tisch und so ein Zeichen setzen.

Schließlich bleibt Psalm 23 nicht am gedeckten Tisch stehen, sondern geht noch weiter. Wer den Psalm zuende spricht, betet schlussendlich: „Ich werde bleiben im Hause Gottes immerdar.“ (Psalm 23,6) Bis dahin erinnern mich Dippekuche, Apfelkompott, Sauerbraten und Kohlrabi an liebe Menschen und an die Ewigkeit.

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