Begegnungen


Peter Annweiler trifft Karen Baradaran, Christ aus dem Iran
Zuerst habe ich ihn im Gottesdienst gehört. Gitarre gespielt hat er da – und dazu gesungen. So viel Sehnsucht und Klage liegt in seiner Musik, dass ich den 28jährigen Iraner unbedingt kennen lernen will. Ich will erfahren, wie er Christ geworden ist. Wie er es geschafft hat, nach Deutschland zu kommen und in Mannheim eine Ausbildung zu machen.
Ich treffe ihn an einem Tag, an dem es ihm nicht gut geht. Schlecht geschlafen hat er – aus Sorge um die Freunde im Iran. Und dazu dann noch der Konflikt mit den USA.vor dem, was sich noch alles zuspitzen kann. Da ist es gut, zuerst über Kraftquellen zu sprechen.
Mit Musik habe ich guten Kontakt zwischen der Bibel und Gott gefunden. Mit Musik, ich spreche mit meinem Gott einfach.Ein Weg zwischen mir und meinem Gott – das ist Musik einfach.
Wie schön, wenn sich Musik und biblische Botschaft verbinden. Für mich eine geistliche Kraftquelle, die ich von klein auf kenne. Für Karen ist es eine neue Erfahrung. Er ist nämlich in einer Familie mit rigider muslimischer Tradition aufgewachsen – und in der gilt eigenes Musizieren eher als des Teufels,
weil ich habe Musik angefangen zu lernen und mein Onkel und mein Opa und meine Oma, sie haben gesagt, ja du bist nicht Muslim, du bist kein Mensch. Das ist alles „haram“ - das heißt „verboten“.Also sie haben gesagt, du bist kein Mensch mehr. Das war so schlimm für mich -
und so kommt es zum Bruch mit seiner Familie. Neben dem frühen Tod seines Vaters bringt ihn dann auch eine eigene Herzkrankheit in einer schwere Krise.
Ich hatte viel zu viel Schmerzen, also ich habe alles verloren, meine Glauben, Familie, Freunde, alles. Und das war, Leben für mich ist Ende. Das war alles dunkel und schwarz. Ich hatte keine Hoffnung, nix.Ich habe gesagt, Gott ist nicht da.
Karen fällt heraus aus allem, was er bisher gekannt hat. Und findet in der Zeit der Gottesferne neuen Halt: Er lernt iranische Christen in einer Hauskirche kennen. Singen und Beten, Fürsorge und eine liebevolle Gemeinschaft verändern ihn:
So viele Leute, sie waren so lieb, einfach so lieb wirklich: mit viel Musik und Hoffnung und Energie. Sie waren so herzlich zu mir. Und dann habe ich da das beste Geschenk in meinem Leben bekommt, eine Bibel: Neue Liebe einfach, habe ich gelernt. Es gibt auch Gott! Also habe ich meinen richtigen Weg gefunden!
Es ist, als ob in einem Leben etwas neu zu glühen und blühen anfängt. Karen kommt tatsächlich gut durch eine Herzoperation und wird gesund. Durch seine Konversion kann er aber nicht im Iran bleiben. Seit gut 3 Jahren lebt er in Deutschland – denn er ist Christ geworden und für seine Lebenswende hat er eine Fluchtgeschichte auf sich genommen.
Wir waren mit meinem Bruder auf der Arbeit und meine Mutter hat ein paar Mal angerufen. Und ich habe richtig Angst bekommen und meine Mutter hat nur am Telefon geschrien. Einfach gesagt, kommt nie wieder, die Polizei ist hier und sie suchen nach euch. Was habt ihr gemacht? Was passiert hier?
Und dann merke ich, wie Karen die Stimme stockt. Den muslimischen Glauben abzulegen ist im Iran streng verboten. Ich ahne, welche Todesangst er gehabt haben muss. Dazu dann die Flucht - davon kann man nicht „einfach so“ erzählen.
Wie stark, dass er trotz erster Ablehnung seines Asylantrags sagen kann:
Ich bin natürlich safe. Ich bin nicht tot. Deutschland hat neue Hoffnungen und natürlich neue Chancen zu leben gegeben.
- und konkret heißt das: In Heidelberg kommt er an, in Mannheim lebt er jetzt.
Nach seiner Taufe kommt er regelmäßig zum Gottesdienst und merkt: Ich will fester in meinem Glauben werden, ich will konfirmiert werden. Stolz liest er mir das Bibelwort für seine Konfirmation vor:
Jesaja 41,10: „Fürchte dich nicht! Ich stärke dich, ich helfe dir auch. Ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“
Wie stark, wenn er einer nach einer traumatischen Flucht vertrauensvoll im Leben steht. Karens Geschichte spornt mich an, zuerst auf Gottes fürsorgendes Wirken zu vertrauen. So hat das ja mal angefangen mit der Kirche: als sich Menschen verbinden und verbünden, weil sie von einer Liebe getragen sind, die Grenzen einreißt und frei macht. Karen formuliert es im Rückblick so:
Das war wichtig für mich: nur Hoffnung und Liebe, weil für meine Religion, also die letzte Religion für mich, war keine Liebe mehr. und alles war Hassen und Muss, Muss, Muss, Muss. Aber in der Bibel habe ich kein Muss und Hassen gefunden.
Für Karen ist das eine neue Erfahrung: Dass Religion frei machen kann und darin hilft, auch Schweres auszuhalten, etwa die Todesnachrichten, die ihn seit Januar nach den Protesten im Iran erreichen.
Viele Leute, sie sind auf der Straße immer noch, sie kämpfen wegen Freiheit, sie wollen nur Freiheit: Freiheit für Religion, einfach Freiheit und Demokratie.
Wie schwer das für Exiliraner wohl ist: Aushalten, was passiert – und doch die Hoffnung nicht aufgeben. Karen würde bestimmt sagen: Es bleibt nichts anders als zu demonstrieren, zu hoffen und zu beten. Ich wünsche ihm von Herzen die Anerkennung seines Asylantrags. Und unserem Land und meiner Kirche wünsche ich viele Begegnungen mit Geflüchteten wie ich sie mit Karen erleben durfte.
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