SWR4 Sonntagsgedanken
„HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.“
Ist das nicht schön? Ein wunderschöner Text; aus einem alten Gebet der Bibel– aus Psalm 36.
Ehrlich gesagt: im ersten Moment denke ich bei dem Psalm gar nicht so sehr ans Beten. Ich muss eher an eine Fahrt durch die Berge denken, die ich vor ein paar Jahren gemacht habe. Oder an meinen letzten Spaziergang übers freie Feld: an frische Luft, an einen weiten Himmel und weiße, luftige Wolken.
„Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist…“ – da geht der Kopf doch fast unwillkürlich nach oben. Ich kann aufatmen, mich aufrichten und mich strecken, denn da ist genug Platz über mir.
Allerdings: so sehr ich mich auch strecke – an den Himmel ran komme ich trotzdem nicht. Ich reiche nicht ran an die Güte Gottes und auch nicht an seine Gerechtigkeit. Denn ich bin und bleibe ein Mensch – mit den Fehlern, die ich mache. Und mit meiner Eigenliebe: wenn ich mir selbst mal wieder wichtiger bin als die anderen. Ich habe andere verletzt. Und sei es nur, weil ich meinen Mund nicht halten konnte und mein Gegenüber ungerecht beurteilt und klein gemacht habe. Das schlimmste daran: Ich kann’s nicht wieder gut machen oder meine Worte zurückholen. Und manches lastet mir deshalb bis heute auf der Seele.
In einem anderen Psalm, in Psalm 103, geht es ebenfalls um Himmel und Erde und um die riesige Entfernung zwischen mir kleinem Menschenkind und der himmelhohen Gnade Gottes. Er ist heute in den evangelischen Gottesdiensten zu hören, und da heißt es:
So hoch der Himmel über der Erde ist,
lässt Gott seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.
So fern der Morgen ist vom Abend,
lässt er unsre Übertretungen von uns sein. (Psalm 103, 11+12)
Und auf einmal – wenn ich so bete – ist es plötzlich gar nicht mehr schlimm, dass ich an den Himmel nicht heranreiche und an Gottes Gerechtigkeit. Denn zu der gehört eben auch Gottes Gnade.
Auch sie ist so weit, wie der Himmel. Größer als alles, was ich erreichen kann. Und gibt mir neu die Freiheit, mich aufzurichten, wenn mich meine Fehler und die folgen davon runterziehen und niederdrücken.
So fern der Morgen ist vom Abend, lässt Gott unsere Übertretungen von uns sein – heißt es in Psalm 103. Das heißt aber nicht, dass Gott das Unrecht einfach vergisst, dass ich anrichte. Egoismus oder böse Worte kehrt er nicht unter den Teppich nach dem Motto: Schwamm drüber. Das will ich schließlich auch nicht. Und meine Fehler tun mir leid. Gott vergibt, damit mich diese Last nicht niederdrückt und lähmt. Damit ich weiterleben kann – und es im besten Falle besser mache das nächste Mal.
Mir ist dieser Gedanke sehr wichtig, weil es schon oft zu Missverständnissen geführt hat, wenn in der Kirche von Gnade und Vergebung die Rede ist. Gnade bedeutet nicht „Schwamm drüber – vergessen wir‘s. Nein – von Anfang an und schon bei den Propheten der Bibel wie Micha oder Amos gehört das zusammen: Die eigenen Fehler erkennen – und trotzdem nicht an ihnen zu scheitern. Ich denke sogar, dass dass Gottes Versprechen hilft, mir meine eigenen Fehler einzugestehen. Und keine Ausflüchte zu suchen, wenn ich ungerecht bin, verletzend oder selbstsüchtig. Kein: „Die Umstände sind schuld.“ - „Der andere hat aber angefangen. „ oder „Alle anderen machen das doch auch.“
Als ob die Umstände irgendetwas besser machen würden. Und nur weil andere sich schlecht verhalten, muss ich das schließlich nicht nachmachen. Nein, ich sollte mir eingestehen: An Gottes Gerechtigkeit reiche ich nun mal nicht heran. Und bin und bleibe ein Mensch mit Fehlern und schlechten Seiten. Ich bin aber auch Gottes Kind – dem Gott seine Gnade schenkt – damit ich aufatmen und weiterleben kann. Und Gottes Gnade, die ist so weit die Wolken gehen.
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