Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

23JUN2026
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Na, wie geht‘s? Gut, und selbst? Auch gut. Es ist schon fast so etwas wie eine Grußformel, so oft kann man diesen kleinen Wortwechsel hören. Den ganzen Tag.

 

Schön, wenn‘s mir wirklich gut geht. Und wenn nicht, dann sag ich trotzdem schnell ‚danke, gut‘ und kleb damit quasi ein kleines Pflaster auf all die Kratzer, die zeigen würden, wo‘s mir gerade nicht so gut geht. Geht ja keinen was an. Das haben wir mitbekommen, sozusagen als genetisches Überlebensprogramm. Bloß keine Schwäche zeigen, und schon gar keine Wunden. Sonst kann ich nicht mithalten, mit dem, was von mir erwartet wird. Und so zeige ich Stärke, manchmal auch da, wo ich sie gar nicht wirklich habe.   

 

„Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“ Das hat der Philosoph Adorno gesagt. Schwach sein dürfen und doch geliebt, akzeptiert, respektiert – ohne Angst haben zu müssen, überhebliche Schadenfreude auf mich zu ziehen. Wie schön wäre das doch!  

Vor ein paar Jahren habe ich mal erlebt, wie so was gehen kann. Es war auf dem Katholikentag in Stuttgart, in einer eher kleinen Veranstaltung. Da waren nicht nur Katholiken angesprochen, sondern Männer und Frauen aus ganz verschiedenen Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Das Thema dieses ökumenischen Gesprächs hieß: Einander die eigenen Schätze zeigen – und die eigenen Wunden. Es war das erste Mal, dass ich so etwas erlebt habe: Katholiken, Protestanten, Orthodoxe, neuapostolische Christen……, alle haben einander zugehört und dabei erfahren, was in anderen Kirchen gut läuft (vielleicht besser als in der eigenen) – und ebenso, worunter die Brüder und Schwestern dort auch leiden. Nicht besserwisserisch, nicht schadenfroh, nicht überheblich. Und der Tenor war: Wie berührend das ist – und wie befreiend: nicht so tun zu müssen, wie wenn alles bestens wäre, sondern auch das zu zeigen, was weh tut, was nicht oder nur schwer gelingt.  

Das war eine richtige Sternstunde, des Zuhörens, des Mitfühlens, des gegenseitigen Respekts. Wie schön wäre das doch, wenn wir solche Erfahrungen auch öfter mal in gesellschaftlichen Debatten machen könnten: Schwäche zeigen dürfen, „ohne Stärke zu provozieren.“  

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