SWR Kultur Wort zum Tag
Als Rekordhalter hat er nun ausgedient. Der Kirchturm des Ulmer Münsters ist seit kurzem nicht mehr der höchste der Welt. Am 10. Juni hat die Sagrada Familia in Barcelona ihm endgültig den Rang abgelaufen. Mit der frisch aufgesetzten begehbaren Turmspitze aus Stahl und Beton überragt einer von insgesamt achtzehn Türmen dieses gigantischen Bauwerks das Münster jetzt um zehn Zentimeter.
Die Ulmer, hört man, nehmen es gelassen. Sie haben gerade andere Sorgen. In ihrem rund 500 Jahre alten Münster bröckelt nicht nur der Putz; es fallen Gesteinsbrocken aus dem Gewölbe; der Innenraum muss deshalb umfangreich saniert werden. Auch die Kathedrale in Barcelona ist noch eine Baustelle. Das im Jahr 1883 von Antonio Gaudí begonnene Architekturwunder harrt noch seiner Vollendung. Die stolze Höhe von 172 Metern war von seinem Erfinder übrigens nicht als Rekordbrecher, sondern im Gegenteil als Geste der Demut gedacht: Die Kirche sollte nicht höher sein als der Hausberg von Barcelona. Eine Verbeugung des Künstlers vor der Schöpfung und vor ihrem Schöpfer, dem er Formen und Farben für sein Meisterwerk abgeschaut und nachgebildet hat.
„Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott“, heißt es in der Bibel nicht von einem Turm, sondern vom Menschen selbst als Gottes Geschöpf. „Mit Ehre und Herrlichkeit hats Du ihn gekrönt, ausgestattet mit wunderbaren Fähigkeiten. Wer vor einer dieser großen Kirchen steht, kann wohl nicht anders als dem zuzustimmen und zu staunen, wozu Menschen mit ihren Gedanken und Fertigkeiten in der Lage sind. Aber auch das andere ist ein Teil menschlicher Wahrheit: Immer wieder wollen sie Grenzen überschreiten, noch höher, noch weiter hinaus. Das erste Turmbauprojekt, von dem die Bibel berichtet, scheitert grandios. Der Turm zu Babel bleibt unvollendet. Gott, so heißt es, hat die Sprachen der Menschen verwirrt, so dass sie sich zerstreiten und zerstreuen, statt gemeinsam zum Ziel zu gelangen. Vielleicht lässt sich die Geschichte der Menschheit seit jenem ersten Turmbau so zusammenfassen: Da, wo sie sich selbst zu Göttern erheben und ihre Grenze missachten, sind sie zum Scheitern verurteilt. Wo sie aber ihre gottgegebenen Fähigkeiten und Talente einsetzen, sind sie zu Unglaublichem fähig. Die Grenzen zwischen beidem sind fließend und müssen immer wieder neu ausgelotet werden. Hoch hinaus und tief gegründet.
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